Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Unzählige Lieder gibt es, in denen Menschen über Gott singen oder Gott ansprechen. Lieder, in denen Gott selbst das Wort ergreift, sind dagegen sehr viel seltener. Wenn aber Gott selbst spricht, was sagt er dann? Und vor allem: Was für eine Stimme hat Gott? Als Felix Mendelssohn Bartholdy in seinem biblischen Oratorium „Elias“ Gott zu Wort kommen lässt, ist Gottes Stimme eine ziemliche Überraschung:

Musik

Der Prophet Elias im Alten Testament bleibt Gott als Einziger treu. Das Volk dagegen folgt anderen Göttern. Deshalb sagt Gott: „Weh ihnen, dass sie von mir weichen! Sie müssen verstöret werden, denn sie sind abtrünnig von mir geworden.“
Zu solchen Worten stelle ich mir eher einen mächtigen Bass vor, der über einem aufgewühlt spielenden Orchester dem abtrünnigen Volk das Urteil hinschleudert! Und genau das hat Mendelssohn auch komponiert – in dem unmittelbar vorausgehenden Stück. Aber da singt nicht Gott, sondern sein Prophet. Elias wütet: „Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“
Ist Gott so? Wie ein Hammer? Der Komponist hat eine ganz andere Vorstellung von Gott. Er lässt eine Frauenstimme eine leise, wehmütige Klage anstimmen. Für 1846, das Jahr der Uraufführung des Oratoriums, ein revolutionäres Gottesbild. Wenn mir jemand mit Wut begegnet, werde ich vielleicht auch nur wütend. Doch was soll ich sagen, wenn Gott um die Menschen weint?

Musik

Ich wollte sie wohl erlösen!, sagt Gott. Wenn sie nicht Lügen wider mich lehrten. Sie legen mich auf ihre Vorstellungen von mir fest. Auf den wütenden, strafenden Gott. Oder auf den lieben, harmlosen Gott, dem alles recht ist. Ihr Leben lang lügen sie sich damit etwas vor. Und werden hart und kalt. Wenn sie doch einmal über sich selbst weinen würden!Wie eine traurige Mutter seufzt Gott: „Sie hören es nicht. Weh ihnen!“

Musik

Mir geht Gottes Klage zu Herzen. Ich will versuchen, zuzuhören und zu antworten. Ich will Gottes Trauer an mich heranlassen, und ich will Gott suchen hinter den Bildern, die wir Menschen uns von ihm machen. Wenn sich unsere falschen Bilder von Gott auflösen, dann können wir erlöst werden.

Musik:
Mendelssohn Bartholdy, Felix; Schubring, Julius: Elias. Ein Oratorium nach Worten des Alten Testaments für Soli, Chor und Orchester, op 70
Nr. 18: Weh ihnen, daß sie von mir weichen! Arioso (Alt)
Akademie-Konzert der Bachakademie 2013: Elias [GA
Interpreten: Lehmkuhl, Wiebke; Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR; Rademann, Hans-Christoph

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28438