Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Es gibt Lieder im Gesangbuch, mit denen ich religiös groß geworden bin. Unter ihnen nimmt das Lied, das ich Ihnen heute vorstelle, eine besondere Stellung ein: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.

Wie kaum ein zweites charakterisiert dieses Lied eine Haltung, die mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden ist: vorsichtig zu sein, wenn ich von Gott spreche. Nicht im vollmundigen Ton der Gewissheit. Besser zu fragen, als etwas zu behaupten. Gott  nicht für mich und meine Interessen zu vereinnahmen. Alles in allem nie zu vergessen: Meine Unkenntnis über Gott ist größer als all das, was ich über ihn zu wissen meine.

Als Seelsorger habe ich oft genug erlebt, wie ich mit leeren Händen dastand. Vor Jahren musste ich ein 14-jähriges Mädchen beerdigen. Sie hatte einen bösen Tumor an der Leber und alle medizinische Kunst hatte in kurzer Zeit versagt. Ihre Eltern waren tapfer, aber todtraurig. Sie selbst hat bei meinen Besuchen vor dem Tod kein Wort mit mir gesprochen. Auch ich habe nichts gesagt. Denn: Was hätte ich da sagen können? Dass Gott alles gut machen wird? Das ist meine stumme Hoffnung geblieben. Ich saß lange am Bett des Kindes und habe geschwiegen. Ich habe mit dem Mädchen und seinen Eltern ausgehalten, so gut mir das eben möglich war. Ich habe stumm gebetet und gefleht. Weil mir Gottes Wege dabei fremd geblieben sind. Weil ich nicht verstanden habe, was ER damit bezweckt. Weil hier wie in so vielen anderen Fällen der Tod eine große Macht entfaltet hat. Auch bei der Ansprache zum Begräbnis habe ich Fragen gestellt. Wie es das Lied heute in seiner ersten Strophe tut.

Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott. der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. 

Auch in der zweiten Liedstrophe stehen die Fragen an Gott im Zentrum. Ja, sie werden nochmals verstärkt. Und zwar mit Blick auf die großen Verheißungen der Bibel: dass Gott sein erwählten Volk aus der Sklaverei in ein gelobtes Land führt[1]; dass er den Namen jedes einzelnen Menschen in seine Hand geschrieben hat[2]. Huub Oosterhuis, der Verfasser des Lieds, begegnet dem ausdrücklich mit Skepsis. Nicht weil er die Existenz Gottes in Frage stellt. Im Gegenteil: Weil er an ihm festhalten will, weil er seinen Glauben stärken will, muss er so radikal ehrlich bleiben. In den meisten Fällen hat er keine abschließende Antwort. Aber dass es stimmt, was in der Bibel steht, das muss sich erst zeigen: im nackten Leben eines jeden, der die Worte im Mund führt: 

Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen? 

Die letzte Strophe wechselt den Ton. Vorsichtig zeigt sich ein Lichtstrahl am Horizont. In einer ganzen Kaskade aus Anrufungen wird Gott bestürmt. So, als ob auf ihm allein die ganze Hoffnung des Menschen ruht: Gib Trost, schenke Frieden, sei die Nahrung, die ich zum Überleben brauche. Gerade in schweren Zeiten waren das Bitten, die ich mir gerne zu eigen gemacht habe. In denen ich - bei aller Vorsicht - Gott näher gekommen bin als an vielen anderen Stellen.

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und laß mich unter deinen Söhnen leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

 

Verwendete Einspielungen:

Ich steh vor dir mit leeren Händen; GL 422

Chormusik zum Gotteslob (Auszug)

Huijbers, Bernard; Oosterhuis, Huub; ...

figuralchor köln

CD Singt, singt, singt dem Herrn!   Gotteslob mit Klavier, Gitarre, Flöte, Saxophon ... Deutsches Liturgisches Institut N° 7133

52 Stücke aus dem Gotteslob. Ein Querschnitt von Gregorianik bis hin zu aktuellen Neuen Geistlichen Liedern.

Erarbeitet von Bernhard Blitsch (Köln), Horst Christill (Limburg), Thomas Gabriel (Mainz) und Johann Simon Kreuzpointner (St. Pölten).



[1] Exodus 3,13

[2] Jesaja 49,16

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