Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Jesu, meine Freude – wie ein Erkennungszeichen wirken die berühmten ersten sechs Töne des Liedes. Seit 350 Jahren wird die Melodie von Johann Crüger gesungen – und der Text, den der Jurist Johann Franck geschrieben hat. Am Ende des dreißigjährigen Krieges hat damit regelrecht gegen das Elend angedichtet.

Jesu, meine Freude? Wer ist dieser Jesus von Nazareth gewesen? Hat sein Leben und Sterben auch etwas mit mir zu tun – und warum? Diese Frage stellt sich in jeder Zeit neu. Und jede Zeit braucht neue Antworten. Eine, die mir aus dem Herzen spricht, hat der sächsische Liedermacher Gerhard Schöne gefunden. Ende der 1980er Jahre, in den letzten Jahren der DDR, hat er einen neuen Text zur alten Melodie geschrieben:

Du mit deiner Liebe – darauf läuft es für Gerhard Schöne bei Jesus hinaus. Auf die Liebe zu allen Menschen, zu allen Geschöpfen. Das ist es, was auch mich an Jesus berührt, an dem, was er gesagt und getan hat. Es berührt mich auch deshalb, weil so eine Art zu lieben alles andere als harmlos ist.

Jesu Liebe stört, sie ist subversiv. Und sie wurde und wird als Ärgernis, ja als politisches Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Jesus selbst und viele Menschen, die ihm darin gefolgt sind, haben das am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Die Liebe – letztlich ist sie nicht zu besiegen, nicht totzukriegen. Wie ein Samenkorn trägt sie das Leben in sich. So deutet Schöne die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu für heute. Mir hilft das zu verstehen.

Wie und wo sich die Liebe aber zeigt und wirkt, ist immer wieder neu und überraschend. Schöne erkennt sie da, wo jemand wieder anfängt zu träumen von einer besseren Welt:

Und wenn ich ganz unten bin, weiß ich dich an meiner Seite: Jesu, meine Freude! Vielleicht ist es genau diese Erfahrung, von der die größte Kraft der Liebe Jesu ausgeht: Dass sie mir auch und besonders dann gilt, wenn ich selbst keine Kraft mehr habe, wenn ich mit meinen eigenen Plänen und Hoffnungen am Ende bin. Weil Jesus selbst ganz unten war, ist er genau dann bei mir.

Auch wenn ich Angst habe. Und selbst dann, wenn ich nichts davon spüre: Wenn ich ganz unten bin, weiß ich dich an meiner Seite: Jesu, meine Freude!

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Jesus, meine Freude (Gerhard Schöne)

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