Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(Gotteslob 396 ö)  

Musik ist ein Geschenk. Wer ein Lied komponiert oder am Klavier darüber improvisiert, der beschenkt seine Hörer. Für unser heutiges Lied zum Sonntag gilt das ganz besonders. Ein Seelsorger im Waisenhaus von Zürich – Georg Gessner heißt er – schenkt es vor über 200 Jahren den Kindern dort, für die er verantwortlich ist. Es ist ein Abschiedsgeschenk, mit etwas Wehmut vielleicht. Georg Gessner verlässt nämlich um Weihnachten 1794 das Waisenhaus an der Limmat, um eine neue Stelle am Zürcher Fraumünster anzutreten. Und da vergisst er es nicht, seine Schützlinge dazu zu ermuntern, Gott froh zu loben. So bleibt er mit ihnen – so sein Wunsch – über den Abschied hinweg verbunden. 

„Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre!

Er höret gern ein Lied zu seiner Ehre:

Lobt froh den Herrn, lobt froh den Herrn!“ 

Freude – so heißt der Grundton des Liedes. Den Kindern im Züricher Waisenhaus ist das „frohe Lob“ gewiss nicht immer leicht gefallen. Auch mir bleibt die Freude manchmal förmlich im Hals stecken. Wenn ich an Gott zweifle oder an mir selbst, dann will mir kein freudiges Lob über die Lippen kommen, sondern eher ein Klagelied. In vielen Situationen aber kann Musik mich ermutigen oder trösten. Nicht nur beim Hören, sondern vor allem dann, wenn ich Musik mache. Besonders beim Singen erlebe ich glückliche Momente, wenn nicht nur der Mund singt, sondern irgendwie alles in mir. Und dazu fordert unser Lied auf, wenn es heißt: „Vom Preise voll lass unser Herz dir singen“.                                                                          

"Vom Preise voll lass unser Herz dir singen!

Das Loblied soll zu deinem Throne dringen:

Lobt froh den Herrn, lobt froh den Herrn!“ 

Auch die Musik unseres Liedes kommt aus Zürich. Um das Jahr 1800 wirkt dort Hans Georg Nägeli. Er komponiert und dirigiert, leitet Chöre und hält Vorlesungen über Musik. Nägeli ist ein überaus talentierter Pädagoge. Mit seiner Melodie zu unserem Lied sollen Schweizer Schulkinder das Singen lernen. Im schwungvollen Dreivierteltakt und sogar zweistimmig, wie wir es jetzt am Klavier angedeutet hören. 

Hans Georg Nägelis zweistimmige Version des Liedes aus der „Gesangbildungslehre nach Pestalozzischen Grundsätzen“ 

Im Singen können wir uns gegenseitig beschenken. Und wenn ich in das Lob der „jugendlichen Chöre“ einstimme, spielt es kaum eine Rolle, wie alt ich nach Jahren bin. In der letzten Strophe gelingt den beiden Autoren aus Zürich dann noch eine wunderbare Steigerung. Wenn wir ein kleines Lied singen, dann hoffen wir schon auf die „tausend Weisen“ der himmlischen Musik – ein klangvolles Bild für das Glücklichsein bei Gott, dem Vater. Wenn etwas davon hier und heute schon erlebbar wird – in kostbaren Momenten der „Seligkeit“ – dann schenkt Musik uns das Schönste, was es geben kann. Mitten in der Zeit schlägt sie eine Brücke zur Ewigkeit. 

 „Einst kommt die Zeit, wo wir auf tausend Weisen,

–  o Seligkeit! – dich, unsern Vater, preisen

von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

 

Worte: Georg Gessner, Zürich 1794; Melodie: Hans Georg Nägeli, Zürich 1815

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