Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Vertrauen. Kann man das sehen? Mir ist im Sommer im Allgäu ein Bild dazu vor Augen gekommen. Ganz entspannt liege ich an einem heißen Augustnachmittag auf einer Wiese an einem Dorfteich. In den Teich hinein führt ein schmaler, langer Holzsteg. Und ich beobachte, wie ein kleines Mädchen, kaum älter als vier Jahre, mit größtem Vergnügen über den Holzsteg trippelt, um vom Ende des Stegs ins Wasser zu springen. Erst da bemerke ich, dass unten im Wasser ihr Vater steht, der sie mit ausgebreiteten Armen auffängt.

Ein Urbild des Vertrauens! Ein solches Vertrauen muss der Komponist Heinrich Schütz gemeint haben, als er gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges den 71. Psalm vertont hat: „Herr auf dich, traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.“ 

Herr, auf dich traue ich,
lass mich nimmermehr zuschanden werden... 

Heinrich Schütz wurde 1585 im thüringischen Köstritz geboren. Bei einem Aufenthalt im Gasthof seiner Eltern hört Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den 13jährigen Knaben singen. Er holte den talentierten Jungen an seinen Hof und schickte in später zur Ausbildung nach Venedig zu dem berühmten Komponisten Giovanni Gabrieli. Später wirkte Schütz bis zu seinem Tod 1672 als Hofkapellmeister in Dresden.

Aber auch die verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges lernte Schütz kennen. Seine Frau Magdalena starb nach nur zweijähriger Ehe. So reflektiert gerade dieser Psalm ein Stück seiner eigenen Lebensgeschichte. Und erzählt von der Kraft des Vertrauens in unruhigen Zeiten. 

Errette mich nach deiner Barmherzigkeit, und hilf mir aus!
Neige dein Ohr zu mir und hilf mir! 

An diesem 71. Psalm leuchtet auf, was für alle Psalmen der Bibel gilt. Ihre durchgängige Melodie ist das Vertrauen, dass ich bei Gott Hilfe und Zuflucht finde. Wenn ich das oft auch erst im Rückblick erkenne. Aber aus einem Vertrauen, das sich einmal bewährt hat, kann ich neues Vertrauen schöpfen.
So wie bei dem kleinen Mädchen am Teich, das den Sprung ins Wasser gewagt hat. Es weiß: der Vater ist da und hat mich noch immer aufgefangen. In diesem Vertrauen lässt auch Schütz den Beter am Ende des Psalms singen: „Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen möge, der du hast zugesagt, mir zu helfen.“  

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Musik 1-3
Herr auf Dich traue ich, track 16 aus CD: PSALMEN, Psalmvertonungen von Heinrich Schütz, Dresdner Kammerchor, Hans-Christoph Rademann, Carus-Verlag, Stuttgart 2017

 

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