Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Meine Zeit steht in deinen Händen“, so heißt das heutige Lied zum Sonntag. Ich finde, dieser Titel passt zum Sommer, zum Urlaub. Denn für viele ist der August der Monat, in dem die Akkus wieder aufgeladen werden. Ich bin im Sommer gerne draußen, spüre Sonne und Wind, und warum nicht auch mal den Regen. Meine Zeit scheint im Urlaub anders zu vergehen, als im eng getakteten Büro-Alltag. Und deshalb erfahre ich die Zeit besonders im Sommer als Geschenk.  

Zeit ist ein Geschenk. Aber Zeit kann auch einen anderen Beigeschmack haben. Viele verfluchen die Zeit, meistens weil sie zu schnell oder zu langsam vergeht. Von viel beschäftigten Menschen höre ich oft den Spruch: „Der Tag hat halt nur 24 Stunden.“ Dahinter verbirgt sich der Wunsch, es möge doch ab und zu noch ein Zusatzstündchen drin sein, um den Berg an Arbeit etwas abzuarbeiten. Andere Leute quälen sich durch die Zeit. Wenn man krank ins Bett gezwungen ist, wenn jemand stundenlang einsam aus dem Fenster stiert, oder die vielen Menschen, die irgendwo auf Flughäfen oder im Wartezimmer ausharren und sehnsüchtig auf etwas warten. Für sie kann Zeit gar nicht schnell genug vergehen. 

Die Strophen unseres Liedes zum Sonntag erzählen genau davon, von der großen Not mit der Zeit. In der ersten Strophe fragt jemand ungewiss und mutlos: „Sorgen quälen mich, was wird morgen sein?“ In der zweiten Strophe fühlt sich jemand gejagt von „Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb“. Und die dritte Strophe spricht von der berühmten Torschlusspanik. Ich wollte doch noch so viel erleben, aber „Hilflos seh ich dabei zu, wie die Zeit verrinnt.“  

Eine kurze Geschichte: Ein reicher Mann gibt einem Armen eine Kiste. Der Arme schaut rein und sieht, dass sie voll Müll ist. Er nimmt die Kiste, leert sie aus und füllt sie mit einem bunten Wiesenblumenstrauß. Er gibt sie dem Reichen zurück und sagt: „Jeder gibt das, was er im Herzen trägt.“ 

Das hat bestimmt gesessen. Habe ich also Müll im Herzen, gebe ich Müll. Habe ich Blumen im Herzen, gebe ich Blumen. Ein kleiner Selbst-Test, was ich im Herzen habe, könnte die Frage sein: Was gebe ich Leuten mit, denen ich begegne? Bitterkeit? Jammere ich ständig herum? Rege ich mich auf und bin wütend? Oder muntere ich Menschen auf? Bin ich optimistisch und froh und gebe etwas davon weiter? Ich kann aus der Art der Menschen schon ein bisschen schließen, wie es in ihrem Herzen aussieht. 

Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Unser Herz lässt sich immer wieder mit neuen Dingen füllen. Wenn es einmal voll ist von Sorgen, Geschäftigkeit oder Torschlusspanik dann muss das noch lange nicht immer so bleiben. Ich kann Platz schaffen für Neues. Nicht umsonst heißt es ja, ich „tanke auf“, wenn ich Urlaub mache, wenn ich etwas Schönes erlebe, wenn ich verrückte Sachen mache oder wenn ich einfach einen Tag lang nur durch den Wald laufe. 

Um aufzutanken sollte allerdings der Tankdeckel offen sein. Ich sollte bereit sein für das Schöne, das Verrückte, das Neue. Das war mich stärkt auch an mich heranlassen. Und dann kann ich ehrlich sagen: „Meine Zeit steht in Deinen Händen, nun kann ich ruhig sein in dir.“

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