Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Aus tiefer Not schrei ich zur Dir.“ Felix Mendelssohn Bartholdy hat diesen Choral von Martin Luther empfindsam vertont. Da war er gerade 21. Ich frage mich: Was bewegte dieses junge Genie aus großbürgerlichem Haus, sich solchen Erfahrungen zu stellen:

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir...

Mendelssohn ging es damals sehr gut. Er war auf einer spannenden Italienreise. Und dennoch hat er sich tief eingefühlt in existentielle Not.

Musik 1 „Aus tiefer Not“ Mendelssohn op 23 Frieder Bernius      

„Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“. Felix Mendelssohn war fasziniert von Luthers Worten. Er wollte dieses Herzstück evangelischen Glaubens ausloten: Dass Gott Menschen barmherzig nah kommt, denen er fern scheint.

Obwohl es ihm gut ging, eine „Not“ war präsent für Felix Mendelssohn. Nicht massiv bedrängend. Eher als finsterer Hintergrund. Jüdische Deutsche wie er konnten den Antisemitismus der Mehrheit nicht beseitigen. Ähnlich wie Menschen heute Antisemitismus oder Antiislamismus nicht aus der Welt schaffen können. Das kann nur die „Mehrheit“.

Felix Mendelssohn hat in dieser „Not“ gelebt als jüdischer Deutscher. Sein Vater hatte sogar auf Assimilation gesetzt. Integration schien nicht genug: Felix wurde evangelisch getauft. Er hat Bachs Matthäuspassion wieder entdeckt und aufgeführt. War evangelisch, liebte Bach und Goethe. Trotzdem traf ihn der antisemitische Bannstrahl. Unter anderem in Richard Wagners Pamphlet: „Das Judenthum in der Musik.“

Musik 2  „Aus tiefer Not“ track 4 aus Sarah Kaiser „Freiheit“

„Aus tiefer Not“: Diese Fassung von 2016 ist von Sarah Kaiser. Ich finde es wichtig, solche Lieder zu hören, obwohl es den meisten in Deutschland wirklich gut geht. Sie kann unsere Empathie stärken, mit Menschen zu fühlen, die in Not sind. Und wenn möglich, barmherzig und solidarisch zu ihnen zu stehen. Ähnlich wie Gott in Luthers Choraltext:

Bei uns ist der Sünden viel, heißt es da, bei Gott ist viel mehr Gnade. Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, wie groß auch sei der Schade.  

Musik 3  „Aus tiefer Not....“ Bernius 

Ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade. Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, wie groß auch sei der Schade. Er ist allein der gute Hirt, der Israel erlösen wird aus seinen Sünden allen.

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