Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 (GL 854) 

Ich spreche heute im LIED ZUM SONNTAG über das Lied: Größer als Bedrängnis ist deine Treue, Herr. Es steht nicht im Stammteil des neuen katholischen Gesangbuchs GOTTESLOB. Sondern im gemeinsamen Anhang der Diözesen Freiburg und Rottenburg-Stuttgart. Unter der Nummer 854. Barbara Kolberg hat die Melodie 2009 komponiert. Bisher gibt es keine Aufnahme davon. Wolfgang Weis, Kantor am Münster in Rottweil, hat mir freundlicherweise die Melodie auf der Orgel eingespielt. 

Größer als alle Bedrängnis ist deine Treue, Herr. Du sprengtest unser Gefängnis, du bringst uns das Neue, Herr. Dein Leben will singen aus Tod und Misslingen. Halleluja. Lobet Gott. 

Halleluja. Lobet Gott. So endet unser Lied zum Sonntag heute, Strophe für Strophe. Obwohl es sich zuerst wie eine Klage angehört hat. Am Ende steht der Jubel. Das Lob Gottes. Wie geht das?

Manche Menschen haben einen großen Glauben: Sie tragen ein schweres Schicksal. Und halten Gott trotzdem die Treue. Das hat mich immer tief beeindruckt. Ich meine damit gerade nicht die Blauäugigen, die sagen, dass mit Gott sowieso alles gut wird. Irgendwann, irgendwie. Nein, ich konnte bei ihnen etwas beobachten, das ganz viel darüber mitteilt, was echten Glauben auszeichnet. Sie haben Gott in ihren Gedanken und Gefühlen überall hin mitgenommen. Sie haben ihn nicht ausgeschlossen, wenn es eng wurde, wenn sie mit dem Tod konfrontiert waren oder sie mit einem Vorhaben gescheitert sind. Gott ist ihnen auch in dunklen Zeiten nicht fern. Als ob er ein Teil von ihnen selbst wäre, den sie immer bei sich haben. 

Größer als unser Versagen ist deine Treue, Herr. Du hast ans Kreuz es getragen, du bringst uns das Neue, Herr. Dein Leben will brechen aus unseren Schwächen. Halleluja. Lobet Gott. 

Bis hierher ist nur das Prinzip beschrieben, wie Glauben gelingen kann. Theoretisch: Ich nehme Gott überall mit hin. Und spare besonders die Tiefpunkte nicht aus. Wo es mir schlecht geht, da soll Gott auch sein. Nur: Wie komme ich aus der Depression wieder nach oben, wenn ich niedergeschlagen und verzweifelt bin. Gott macht das von allein, sagt Silja Walter, die den Text des Lieds gedichtet hat. Aber wie macht er das? Und wie kommt das bei mir an, was er offenbar macht? Zunächst ist da nur eine vollmundige Behauptung. Silja Walter lässt nicht nur jede Strophe gleich aufhören. Sie setzt auch an den Beginn die immer gleiche Aussage: Gottes Treue ist größer. Größer als unser Versagen, als alle Bedrängnis. Ja, das glaube ich auch. Das sage ich wieder und immer wieder. Wenn ich am Sarg einer Freundin stehe, die ich beerdigen muss. Als ich so niedergeschlagen war, dass meine Füße mich nicht mehr tragen wollten. Ich wiederhole es solange, bis ich es glaube. Ist es das, was man Selbsttäuschung nennt? Gar nicht real, nur eingebildet? Wer nur an das glaubt, was er sieht und fest in der Hand hat, wird so sagen. Aber das Lied dieses Sonntags sagt mehr: 

Groß wie du selbst ist geblieben, deine Treue, Herr. Ewige Liebe muss lieben, du bringst uns das Neue, Herr. Dein Herz will sich geben uns selber zum Leben. Halleluja. Lobet Gott. 

In großen Auf- und Abbewegungen durchläuft die Melodie von Barbara Kolberg den Tonraum einer ganzen Oktave. Als ob die Töne versuchen, Himmel und Erde zu verbinden. Ganz hinunter in die Tiefe geht Gott, ganz nach oben schaut der Mensch. Und dazwischen ist Platz, wo sich beide begegnen. Die Signalwörter, die Silja Walter dabei setzt, sind: Kreuz und Liebe. Die Dichterin bringt dort, wo es nicht mehr weiterzugehen scheint, Jesus Christus ins Spiel. Und sie sagt damit: Für Christen führt der Weg, der aus der Ratlosigkeit führt, zu Jesus. Er hat das alles selbst durchgemacht und war am Ende gerettet. Aus Tod und Misslingen

Musiknachweis

Wolfgang Weis, Rottweil. Private Einspielung. Alle Rechte beim Musiker.

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