Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Mit der Kirchenleitung hat er rasch Ärger bekommen, der junge Theologe. Im Jahr 1674 war er Leiter der reformierten Lateinschule in Düsseldorf geworden. Angesteckt von der neuen Frömmigkeitsbewegung des Pietismus suchte Joachim Neander nach modernen Ausdrucksformen des Glaubens. Er boykottierte den Sonntagsgottesdienst und lud stattdessen in christliche Zirkel ein. Oder gar zur „Christen-Ergötzung im Grünen“, wofür er eigene Lieder schrieb. Wegen solcher Umtriebe musste Joachim Neander seinen Posten in Düsseldorf bald räumen. Aber das Tal der Düssel, wohin er sich oft zurückzog, bekam später seinen Namen: Neandertal. 

 

Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr.

Dass man Gott nicht nur von der Kanzel herab, sondern auch in der Natur erfahren kann, davon war Joachim Neander überzeugt. Und davon singt auch eines seiner bekannten Lieder:

 

Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr;

Meine Seele singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu. 

Wenn ich dieses Lied singe, dann ist es für mich immer wie ein Spaziergang. Mit jedem Vers entsteht ein neues Bild, das die Schönheit der Schöpfung zeigt: Seht! So redet Joachim Neander seine Hörer zu Beginn jeder Strophe an. Vielleicht sehen auch Sie gleich vor sich, was er da beschreibt. 

Seht das große Sonnenlicht, wie es durch die Wolken bricht;

Auch der Mond, der Sterne Pracht, jauchzen Gott bei stiller Nacht. 

Seht, wie Gott der Erde Ball hat gezieret überall.

Wälder, Felder, jedes Tier, zeigen Gottes Finger hier.

 

Seht wie fliegt der Vögel Schar in den Lüften Paar bei Paar.

Blitz und Donner, Hagel, Wind seines Willens Diener sind.

 

Seht der Wasserwellen Lauf, wie sie steigen ab und auf;

Von der Quelle bis zum Meer rauschen sie des Schöpfers Ehr. 

Damit endet der Spaziergang durch die Natur, auf den Joachim Neander mich mit seinem Lied mitnimmt. An jeder Station bin ich kurz staunend stehen geblieben und habe gemerkt, welche Schönheit, welche Vielfalt und welch ein Reichtum mich da umgibt. Und wie dankbar ich dafür bin.

Das Ziel des Wegs aber ist für Neander damit noch nicht erreicht. Das Ziel ist das Gebet, die Bitte, die er in der sechsten und letzten Strophe formuliert:

Ach mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar!

Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin. 

Auch mir ist diese letzte Strophe wichtig. Denn: Ich kann die Schöpfung genießen und bewundern. Aber sie zeigt mir auch: Ich bin ein Mensch – nicht der Schöpfer. Ich gehöre zur Schöpfung – die Schöpfung gehört nicht mir. 

Und ich glaube: Wenn ich die letzte Strophe von Joachim Neander ernst nehme, dann gehe ich respektvoller und verantwortungsbewusster mit der Natur um. 

 

Ach mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar!

Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin. 

Ich bin ein Mensch, nicht der Schöpfer. Die Schöpfung gehört mir nicht. Aber ich gehöre zur Schöpfung. Und ich freue mich an ihr, wenn ich sie bewusst wahrnehme – singend in Gedanken oder, wie Neander selbst, „im Grünen“.

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