Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Im Sommer liebe ich es, ganz früh draußen zu sein. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch das Laub und zeichnen goldene Flecken auf dem Gras. Die Welt sieht aus, als wäre sie gerade erst erschaffen. Alles fällt ab von mir, was mich belastet und bedrückt. Der Atem geht leicht und ruhig. Vollkommene Stille – nur die Vögel singen schon. Und ich – wenn ich jetzt singen wollte, dann könnte es so etwas sein:

„Morgengebet“ heißt dieses Lied. Felix Mendelssohn hat es geschrieben, vielleicht unter dem Eindruck eines solchen Sommermorgens. Es ist aus seiner Sammlung
„Lieder, im Freien zu singen“. Mendelssohn hat dabei an Menschen gedacht, die beim Wandern einfach ein Lied anstimmen. Die Worte dieses Liedes hat Joseph von Eichendorff gedichtet, der auch gerne draußen war. Ich sehe ein Grüppchen von Menschen vor mir, die an einem ganz frühen Morgen auf einer Waldlichtung in diese Worte einstimmen:

„O wunderbares, tiefes Schweigen,
wie einsam ist’s noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
als ging‘ der Herr durch’s stille Feld.“

Eine Stimmung wie am siebten Schöpfungstag. Gott in seiner Welt. Alles ist an seinem Platz. „Ich fühle mich wie neu geschaffen“, geht das Lied weiter: „Wo ist die Sorge nun und Not?“

Eine wunderbare Ruhe strömt dieses Lied aus! Sorge und Not, sie sind wohl da. Die Gedanken wollen nicht zur Ruhe kommen. Und ständig strömt Neues auf mich ein. Eigener Kummer, fremdes Leid, das ich mir zu Herzen nehme, Nachrichten aus der Welt und aus der Nachbarschaft. Aber an diesem Morgen, den das Lied beschreibt, da scheint etwas anderes in mein Leben. Ich darf einen Moment heraustreten aus allem, was mich bedrängt. Zur Ruhe kommen. Zu Gott und zurück zu mir selbst finden. Eichendorffs Gedicht öffnet sich in seiner letzten Strophe ganz weit in den Himmel:

„Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
will ich, ein Pilger, froh bereit
betreten nur als eine Brücke
zu dir, Herr, über’m Strom der Zeit.“

Alles, was mich sonst beschäftigt, wird in diesem weiten Zusammenhang klein. Ob Freude oder Leid – ich werde nicht ewig darin bleiben. Ich stehe vor Gott, im Frieden des neuen Morgens, und bekomme eine Ahnung, wo ich ewig geborgen bin.

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Musiktitel 1-3:
Eichendorff, Joseph Freiherr von; Mendelssohn Bartholdy, Felix
Nr. 5: Morgengebet aus: 6 Lieder im Freien zu singen für gemischten Chor a cappella, op. 48 Nr. 5
RIAS Kammerchor  Rademann, Hans-Christoph
aus: Lieder op. 41, 48, 59, 88 & 100

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