Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Feuer in der Nacht, ein offnes Tor in einer Mauer, für die Sonne auf gemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, wie ein unverhoffter Gruß, wie ein Blatt an toten Zweigen, ein Ich-mag-dich-trotzdem-Kuss. Ref.: So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih'n.

Es gibt Momente, in denen sich etwas löst, weil Menschen sich versöhnen. Davon erzählt  das heutige Lied in starken Bildern. Wo zuvor Streit und Hass unüberwindbare Mauern aufgerichtet haben,  da gehen Menschen wieder aufeinander zu und öffnen ihre Herzen. 

Das Lied ist ursprünglich das Schlusslied für das Musical „Josef“ gewesen, das Jürgen Werth und Johannes Nitsch zusammen komponiert haben. Die alttestamentliche Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist voller Eifersucht und Hass. Weil der Vater seinen Sohn Josef lieber hat als die andern, beschließen seine Brüder, ihn aus dem Weg zu räumen. Doch wie durch ein Wunder kommt Josef nach Ägypten und  bringt es dort bis zum Stellvertreter des Pharao. Als ihm wegen einer Hungersnot seine Brüder nach vielen Jahren als Bittsteller gegenüberstehen, hätte er sich leicht rächen können. Aber es kommt anders. Die Brüder  bereuen, was sie Josef angetan haben, und Josef vergibt ihnen. Am Ende findet die ganze Familie wieder zusammen. Es ist : „wie ein Fest nach langer Trauer“ 

Aber Versöhnung gelingt nicht einfach nach dem Motto: Schwamm drüber. Versöhnung braucht den großherzigen Entschluss zu vergeben und die Schuld nicht ewig aufzurechnen. Sie braucht aber auch die Einsicht und die Reue auf der Seite dessen, der Unrecht getan hat. Das ist nicht leicht. Stellt man sich nicht in ein zu schlechtes Licht, wenn man einen andern um Vergebung bittet? Und bedeutet andererseits verzeihen nicht, auf sein gutes Recht zu verzichten? Schnell verhakt man sich in Fragen: Wer hat angefangen? Was war eigentlich der Auslöser? Worin liegt die Schuld?  Und versucht vor allem, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Hatten Josefs Brüder nicht gute Gründe, auf ihren Bruder eifersüchtig zu sein? 

Unversöhnt  zu leben  zerstört auf Dauer die Seele. Es verbittert. Jeder beharrt auf seiner Position. Die Beziehung wird starr. Ich erlebe es jedoch immer wieder, dass diese Distanz überwunden werden kann, wenn einer bereit ist zum ersten Schritt:  um Verzeihung zu bitten oder zu verzeihen. Doch woher kommen die Bereitschaft und der Mut, sich zu versöhnen?

Als Josef seinen Brüdern verzeiht, sagt er zu ihnen: „Ihr habt mir übel getan, aber Gott hat es zum Guten gewendet.“ Josef schaut nicht nur auf das, was ihm von seinen Brüdern angetan wurde, er kann auch das Gute und das Glück wahrnehmen, das ihm widerfahren ist. Er bleibt nicht Opfer, weil es für ihn noch eine größere Macht gibt, die sein Leben bestimmt. Für ihn ist es letztlich Gott, der sein Leben geführt hat. Das macht ihn großzügig. Er kann seinen Brüdern verzeihen, denn er sieht, dass sie sich verändert haben. Am Ende finden sie jenseits von Hass und Eifersucht wieder zueinander. Und der alte Jakob kann seinen totgeglaubten Sohn in die Arme schließen. 

Wie ein Wort von toten Lippen, wie ein Blick, der Hoffnung weckt, wie ein Licht auf steilen Klippen, wie ein Erdteil neu entdeckt. Wie der Frühling, wie der Morgen, wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie das Leben, wie die Liebe, wie Gott selbst, das wahre Licht. Ref.: So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih'n.

Text: Jürgen Werth, Melodie: Johannes Nitsch

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