Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Es wiederholt sich jedes Jahr – und ist doch wie ein Wunder: wenn die kahlen Obstbäume sich quasi über Nacht in ein Blütenmeer verwandeln. Neues Leben bricht sich Bahn.

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Was anmutet wie ein Liebesgedicht  hat jedoch einen ganz anderen Hintergrund. Ben Chorin hat es 1942 geschrieben. Mitten im 2. Weltkrieg. Nachdem er als Jude in Berlin massiv bedroht worden war, ist er 1935 nach Jerusalem ins Exil gegangen. Von dort musste er ohnmächtig miterleben, wie sein Volk von den Nazis vertrieben und vernichtet wurde. Er hat mit diesem Gedicht gegen seine eigene Verzweiflung angeschrieben: "Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?" So sagte er selbst.

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Der blühende Mandelzweig wurde für Ben Chorin nicht zufällig zum Hoffnungszeichen.  Die zartrosa und weißen Blüten der Mandelbäume sind die ersten Boten, die den Frühling ankündigen. Hierzulande – aber auch in Israel, wo Ben Chorin  direkt vor seinem Haus einen Mandelbaum stehen hatte. Vielleicht wurde er ja eines Morgens überrascht von seiner Blüte und dieser Anblick hat etwas in seiner Seele angerührt.

Der blühende Mandelzweig ist schon in der Bibel ein Zeichen der Hoffnung und Ben Chorin  hat als guter Bibelkenner  die entsprechende Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia gekannt, wo es heißt:  

"Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus." (Jer 1,11f)

Im hebräischen Urtext  steckt darin ein Wortspiel. Denn „Mandelzweig“ und „wachen“ klingen auf Hebräisch fast gleich. Der Mandelzweig wird so zum Fingerzeig, dass Gott über seine Welt wacht, auch dann, wenn wir das fast schon gar nicht mehr wahrnehmen können.

Ben Chorin war ein tiefgläubiger Jude. Obwohl er Grund genug gehabt hätte, an Gott zu verzweifeln, hat er an Gottes Wort festgehalten. Gott will den Menschen seinen Schalom, seinen Frieden schenken, davon war überzeugt. Deswegen hat er auch im Exil diesen neuen Namen gewählt: Schalom Ben Chorin – das bedeutet: Frieden – Sohn der Freiheit. Er wollte dem Frieden und der Versöhnung dienen und hat sich schon zu einer Zeit für den religiösen Dialog zwischen Juden und Christen eingesetzt, wo diese sich fremd und fast feindlich gegenüberstanden. Aber für  Ben Chorin war Jesus  nicht nur ein Menschenbruder sondern sein jüdischer Bruder. So ist er zum Brückenbauer geworden. Für mich sind daher sein Leben und sein Lied eine Ermutigung, auch heute auf Menschen anderer Religionen zuzugehen und trotz aller Spannungen und Fremdheit gemeinsam nach Frieden und Versöhnung zu suchen .  

„Freunde“ – so beginnt das Lied. Ben Chorin spricht uns direkt an. Er will unsere Augen und unsere Herzen öffnen: Dass das Leben stärker ist als alle Todesmächte - diese Sehnsucht ist allen Menschen eigen. Sie kann verbinden. Sie kann uns tiefer zu Gott hinführen – quer durch alle Kulturen und Religionen.

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

 Einspielung: M0422001-019, 1'21

Raiser, Christian-Markus „Freunde, dass der Mandelzweig „für Chor a cappella

CoroPiccolo Karlsruhe; Raiser, Christian-Markus

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