Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Sinn kann man nicht machen. Jedenfalls wenn ich der deutschen Sprache traue. Und der Lebensweisheit, die in ihr aufgehoben ist. Seit einigen Jahren hört man zwar auch bei uns: „das macht Sinn“. Aber eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen ist noch kein gutes Deutsch.

Deutsch und Englisch unterscheiden sich hier grundlegend. Im Englischen ist es anscheinend vorstellbar, dass Menschen Lebenssinn selbst machen. Die Lebenserfahrung der deutschen Sprache rät zur Demut: Sinn kann man suchen, finden, den verborgenen Sinn in etwas erkennen. Aber machen, nein. Dieselbe Erfahrung enthält auch das Lied für heute: Auch Heil und Erlösung, die mein Leben sinnvoll machen, kann ich mir nicht selbst verschaffen. Die Erfahrung, dass mein Leben vor Gott Sinn hat, kommt zu mir: ‘Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte.’

Musik 1  „Es ist das Heil uns kommen her“

Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte;
die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten.
Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan,
er ist der Mittler worden.

Dieser Satz zu „Es ist das Heil uns kommen her“ ist von Johannes Brahms, also aus der Zeit der Romantik. Das Lied selbst stammt aber aus den turbulenten Anfängen der Reformation.
Paul Speratus war Priester. Früh von Luther inspiriert hat er im heutigen Tschechien „evangelisch“ gepredigt. Bis man ihn deswegen zum Tod verurteilt hat. Und dann begnadigt. Speratus kam zu Luther nach Wittenberg. Dort hat er das Lied geschrieben.
„Heil und Erlösung“ kann man nicht machen. Gerade vom Todesurteil begnadigt war das für ihn tiefe Lebens- und Glaubenserfahrung. Und in weiteren Strophen spürt man: Ein Mensch kann viel Kraft daraus ziehen, wenn er weiß, Leben und Sinn sind geschenkt.

Musik 2  Orgel

7. Die Werk, die kommen g’wisslich her / aus einem
rechten Glauben ; / denn das nicht rechter Glaube wär, /
wolltst ihn der Werk berauben. / Doch macht allein der
Glaub gerecht ; / die Werk, die sind des Nächsten
Knecht, / dran wir den Glauben merken.

Wer glaubt und auf Gott vertraut, der wird dann auch seinen Nächsten lieben. Das ist lutherische Theologie in Reinform.
Speratus‘ Lied enthält aber auch eine dunkle Erfahrung. Sein ursprüngliches jedenfalls. Er hat 13 Strophen geschrieben, ins Gesangbuch heute haben es nur 7 geschafft. Aber in der Kantate von Johann Sebastian Bach zu ‚Es ist das Heil uns kommen‘ ist diese dunkle Erfahrung noch bewahrt: Manchmal kann man an Gott glauben oder gewiss sein, das Leben hat Sinn, den nichts mir nehmen kann. Aber Gottvertrauen kann wanken, Sinn kann zerbrechen. Da heraus finde ich oft erst, wenn mir erneut „Ja“ zugeflüstert wird. ‚Ja, ich bin bei dir. Hab keine Angst.‘ Oder mit den Worten von Speratus: “Lass Dir sein Wort gewisser sein, auch wenn Dein Herz spräch lauter nein.“

Musik 3  „Choral: Ob sichs anließ als wollt er nicht“            
Kantate  Str. 12

Ob sichs anließ, als wollt er nicht, Lass dich es nicht erschrecken;
Denn wo er ist am besten mit, Da will ers nicht entdecken.
Sein Wort lass dir gewisser sein, Und ob dein Herz spräch lauter Nein,
So lass doch dir nicht grauen.

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Johannes Brahms; Es ist das Heil uns kommen her
Track 12 aus CD Brahms Geistliche Chorwerke Marcus Creed und RIAS Kammerchor, Harmonia mundi

„Orgelbüchlein, Es ist das Heil uns kommen her
CD 9 track 11 aus JS Bach Das Orgelwerk (25. Anniversaire), Olivier Vernet

Choral „ob sichs anließ als wollt er nicht“
Track 21 aus CD Bach cantatas 53 „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ Masaaki Suzuki Collegium Japan/Bach Chorus

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