Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 497)

Ich glaube, wir können uns heute kaum vorstellen, wie wichtig es den Menschen im Mittelalter war, die Gegenwart Jesu mit eigenen Augen zu sehen. Ich weiß noch, wie es mich im Studium beeindruckt hat, dass es in größeren Städten Zeitpläne gab, nach denen die Leute am Sonntag von Kirche zu Kirche gegangen sind. Immer dort den Moment mitzuerleben, wenn der Priester die Hostie und den Kelch erhebt. Das klingt heute schon beinahe abstrus. Aber es zeigt eben die tiefe Sehnsucht der Menschen, sich Gott zu nähern. Und wenn sie nur ein Stück Brot und einen Becher Wein sehen. Für sie war das vermutlich so, als ob sie im Abendmahlssaal direkt dabei sind und höchst persönlich die Gegenwart Jesu spüren. Das heutige Lied zum Sonntag „Adoro te devote“ ist noch ganz von dieser Haltung geprägt. Der Theologe Thomas von Aquin hat den Text 1264 für Fronleichnam gedichtet. Unter dem Titel „Gottheit tief verborgen“ hat die Dominikanernonne Petronia Steiner den Text ins Deutsche übertragen:

Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.

Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.

Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,

weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

(Regensburger Domspatzen)

Der lateinische Anfang des Textes „Adoro te devote“ heißt auf Deutsch „Ich bete dich hingebungsvoll an“. Und je hingebungsvoller ich mich mit dem Text von Strophe zu Strophe Jesus annähere, in dem Maß kommt darin auch Jesus auf mich zu. Und zwar mit seiner Liebe. Dafür steht im Text ein altes christliches Symbol. Jesus wird mit einem Pelikan verglichen, der sein Blut gibt, um seine Kinder zum Leben zu erwecken. Auch wenn das wahrscheinlich biologisch nicht stimmt, sondern nur Legende ist: Thomas von Aquin will damit sagen, dass Jesus sich für nichts zu schade ist, wenn es um das Wohl von uns Menschen geht:

Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein;

wasch in deinem Blute mich von Sünden rein.

Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld,

bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.

Obwohl das Lied für Fronleichnam gedichtet ist, ist es für mich ein Weihnachtslied. An Weihnachten sind es nämlich die Hirten, die nach Bethlehem eilen und das Kind in der Krippe hingebungsvoll anbeten. Und Heute Abend werden das wieder viele tun - Christen und andere: das Kind in der Krippe anschauen.

Ich frage mich manchmal, wie seltsam es für diese Hirten gewesen sein muss, ihre Hoffnung auf ein Kind zu setzen. Dazu noch auf eines, das unter so armseligen Umständen gezeigt wird. In diesem Kind Gott zu sehen. Aber vielleicht ist das ja genau der Weg, wie ich Gott heute finden kann. Nicht nur in Brot und Wein verhüllt, sondern in einem Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass das die Art Gottes ist, wie er uns nahe sein will: Als ein Mensch, damit wir mehr echte Menschen werden.

Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,

stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:

laß die Schleier fallen einst in deinem Licht,

daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

Amen

(Raiser, Christian-Markus Gottheit tief verborgen für Chor a cappella  CoroPiccolo)

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