Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 430/775; EG 65/541)

Ich habe das heutige Lied zum Sonntag als Jugendlicher kennengelernt. Wir haben es am Lagerfeuer gesungen oder wenn wir uns zum Meditieren getroffen haben. Es hat die Stimmung mit Kerzen und Stille unterstützt, die uns positiv berührt hat. Auch wenn ich damals noch keine schweren Krisen gekannt habe, hat das Lied mich darauf vorbereitet, dass ich im Leben in Situationen komme, wo ich in Not bin oder um einen Menschen trauere. Es hat eine Geborgenheit vermittelt, nach der ich mich heute manchmal sehne, eine Geborgenheit, die wie ein Wunder wirkt, weil sie mein Leid und meine Zweifel erträglicher macht: 

Von guten Mächten treu und still umgeben,

Behütet und getröstet wunderbar,

So will ich diese Tage mit euch leben

Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Satz: Christoph Seeger, Interpretin: Hanna Meister

Dass der Hintergrund des Liedes „Von guten Mächten“ gar nicht so romantisch ist, ist mir erst viel später bewusst geworden. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer verfasst den Text dazu nämlich im Gefängnis. Er ist am Widerstand gegen die Nazis beteiligt und wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Dass der für ihn mit der Todesstrafe ausgeht, scheint Boenhoeffer klar: Er wird 1945 zum Tod verurteilt und im KZ Flossenbrück hingerichtet. Zuvor, zu seinem letzten Weihnachten, schreibt er an seine Verlobte Maria von Wedemeyer einen Brief und legt dem Text - wie er sagt, „einige Verse bei, die mir in den letzten Abenden einfielen“.

Mich berührt das auch deshalb sehr, weil in diesem Brief so viel zusammenkommt, Ideelles und Praktisches, das pure Leben und tiefe Sehnsucht: Bonhoeffer bittet um Unterhosen, die nicht rutschen, schreibt von der innigen Verbindung zu seinen Eltern und Geschwistern und tröstet seine Verlobte Maria: „Werde nicht mutlos!“ 

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern

Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

Aus deiner guten und geliebten Hand.

Ich mag es, dass Dietrich Bonhoeffer zunächst nicht von Gott spricht, sondern von guten Mächten. Das Leid ist für ihn die Nagelprobe für den Glauben. Im Zusammenhang mit dem Leid wird sein Gottesbild brüchig: Er kann sich nicht vorstellen, im Leiden auf einen allmächtigen Gott zu hoffen, der im Jenseits wohnt. Ein Gott, der von dort wie von außen kommt und mal schnell ins Leid eingreift und es weg nimmt. Für ihn zeigt sich Gottes Macht vielmehr in seiner Ohnmacht, also gerade dann, wenn ich scheitere und nicht ins Nichts falle, sondern von guten Mächten gehalten bin. Und diese Mächte werden eben für ihn auch spürbar in den Menschen, die ihn tragen und zu ihm stehen.

Es gibt zwei Lied-Melodien zu Boenhoeffers Text. Ich mag die bekanntere der beiden gern, weil sie beschwingt ist. Ich empfinde das wie das Wiegen eines Kindes bei einem Wiegenlied. Das Lied hat für mich beides: Es ist ein Ausdruck für Momente, in denen ich um meinen Glauben ringe, wo ich Trost brauche oder in Not bin. Und es nimmt schon etwas davon vorweg, worauf ich hoffe: Dass ich einst bei Gott geborgen bin, der mich auf seinen Armen wiegt, wie eine Mutter ihr Kind: 

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, Dann wolln wir des Vergangenen gedenken Und dann gehört dir unser Leben ganz. 

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

Erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

                                              

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