Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land –
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.

Bei Erntedankfesten ist das Kirchenlied mit dem Text von Matthias Claudius ein Klassiker. In vielen Kirchen wurde es in den letzten Wochen gesungen. Auch in unseren Gemeinden gehört es zum Erntedankfest wie der geschmückte Altar mit Getreide und Früchten. Beim Refrain fassen sich die Kinder an den Händen und tanzen dazu im Reigen – Dorfidylle im 21. Jahrhundert.

Am Ende der vierten Strophe werde ich jedes Jahr plötzlich aus meiner zufriedenen Stimmung gerissen, wenn es heißt:

Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot;
Er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot.
Und unsern Kindern Brot
,
dieser knappe Halbsatz hallt in mir nach, wenn die Kinder vor mir im Kreis gehen.

Und unsern Kindern Brot – jedes Mal überlege ich mir an dieser Stelle unwillkürlich, wie sich das wohl anfühlt: Wenn ich unseren Kindern, die durchaus gute Esser sind, beim Abendbrot sagen müsste: Es gibt nichts mehr! Zum ersten Mal seit Jahren ist die Zahl der Hungernden in diesem Jahr wieder gestiegen. Für viele Eltern ist das also – fast 250 Jahre nach Matthias Claudius – immer noch eine reale Erfahrung.

Einen Moment lang wirft mich dieser Gedanke aus der Spur. Die hübsche Dorfkirche, die eingespielte Erntedankfeier, das alles kommt mir angesichts der dramatischen Lage in Bangladesch oder Somalia plötzlich unpassend vor. Aber dann wird mir klar: Vielleicht ist es doch gut, jedes Jahr so – ganz traditionell – Erntedank zu feiern.

Weil gerade dieses Fest deutlich macht: Sich keine Sorgen ums tägliche Brot machen zu müssen, ist nicht selbstverständlich, sondern ein Grund zur Dankbarkeit. Und weil es nicht nur, aber gerade auch in den Gemeinden, wo so gefeiert wird, viele Menschen gibt, die helfen. Sie sehen es nicht nur als Geschenk an, dass es ihnen so gut geht, sondern auch als Verpflichtung. Deshalb organisieren sie Benefizessen und spenden den Erlös an Hilfsorganisationen. Oder helfen regelmäßig im Tafelladen.

Auch für dieses Engagement bin ich dankbar. Ebenso wie für die Mühe der Landwirte, die jedes Jahr für mich säen und ernten und das wirtschaftliche Risiko tragen, wenn die Ernte nicht gut ist. Deshalb feiere ich doch immer wieder gerne Erntedank. Mit Kindern und geschmückter Kirche und auch mit dem Lied von Matthias Claudius.

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