Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Es war Anfang der 19hundertachtziger Jahre. Eigentlich hatte ich nur den Friedhof in Berlin-Mitte gesucht, den Wolf Biermann in einem Lied besungen hatte. Wegen des Refrains. Da hieß es: „Wie nah sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche, die leben.“ Dann traf ich ihn dort selbst. Nicht weit vom Grab Bertolt Brechts. Da saß Wolf Biermann auf einer Bank, schaute, las und machte Notizen. Und ich hatte den Eindruck, als würden ihm an diesem besonderen Ort neue Kräfte zuwachsen.

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Wir kamen ins Gespräch. Vorsichtig. Tastend. Er, der Bürgerrechtler, der mit seinen Liedern die Machthaber herausforderte. Ich, der Tagesbesucher aus dem Westen. Hier bei den vielen Toten, die für ihn lebendige Zivilcourage und Mut verkörperten. Und die ihm vielleicht die Worte dieses Liedes eingeflüstert hatten.

Du, lass dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
- sitzt du erst hinter Gittern -
doch nicht vor deinem Leid.

Der forsche Ton des Liedes hat sicher auch mit den Ängsten zu tun, die es zu überwinden galt. Und gegen die Biermann angesungen hat. Viele Menschen sind ja damals in der DDR für solche und ähnliche Texte im Gefängnis verschwunden. Oder mussten massive Nachteile im Beruf hinnehmen.
Trotzig klingt es. Und herausfordernd. Für mich ein bisschen nach Luthers „.. und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“

Du, lass dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Später fand dieses Lied sogar einen Platz im Gesangbuch evangelischer Kirchentage. Denn die Sehnsucht nach Freiheit, die Ermutigung zur Zivilcourage, das ist ja etwas, was zu allen Zeiten ein Thema ist. Überall dort, wo Menschen geängstigt, eingeschüchtert und bedroht werden.

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Sich nicht verhärten lassen, nicht bitter werden, sich nicht die Spielregeln von denen diktieren lassen, die den Lauf der Dinge bestimmen wollen. Sondern auf die aufkeimenden Zeichen der Hoffnung achten! Sich – bei allem Ernst - das Lachen und die Heiterkeit nicht nehmen lassen!
In der letzten Strophe von Biermanns Lied geht darum das Du zum Wir über. Als wolle er sagen: vergiss nicht, du stehst nicht allein! „Das Grün bricht aus den Zweigen, wir wolln das allen zeigen, dann wissen sie Bescheid.“
Auch heute, denke ich, in Zeiten, die auf ihre Art schwer und für manche auch schrecklich sind, bleibt dies, um es mit dem Titel des Liedes zu sagen, eine „Ermutigung“.

Wir wolln es nicht verschweigen in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen, dann wissen sie Bescheid.

„Ermutigung“ aus CD: Wolf Biermann – aah-ja! Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 1996

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