Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Worte von Cornelius Becker (1602) Melodie und Satz von Heinrich Schütz (Becker-Psalter)

Orchester stimmt ein

Wenn ein Orchester sich einstimmt, steigt die Erwartung auf die ersten Klänge des Konzerts. Gespräche verstummen und die Ohren richten sich auf das, was gleich kommt. Alle Musiker – Streicher und Bläser, Schlagzeug und vielleicht noch ein Chor – konzentrieren sich auf die Partitur, die sie gemeinsam zum Klingen bringen.

Das Lied zum heutigen Sonntag ist eine ganz alte biblische Partitur. Es ist der 150. Psalm. Seine Verse sind etwa zweieinhalbtausend Jahre alt. Sie rufen ein ganzes Orchester herbei, damit es aufspielt im Volk Israel. Dieser Psalm kennt nur ein einziges Thema, nämlich Gott mit vielen Stimmen zu loben. Die erste Strophe heißt: „Lobt Gott in seinem Heiligtum, gebet dem Herren Ehr und Ruhm, und preiset seine große Pracht wohl in der Feste seiner Macht.“

 

Strophe 1

 „Lobt Gott in seinem Heiligtum, / gebet dem Herren Ehr und Ruhm,

und preiset seine große Pracht / wohl in der Feste seiner Macht.“ 

Was mich an diesem Lied fasziniert, ist der Impuls, dass alles anfangen soll zu klingen: mit Posaunen und Harfen, Gesang und Pauken, Saiteninstrumenten und mit fröhlichem Pfeifen. Der Leipziger Theologe Cornelius Becker hat die biblischen Psalmverse um das Jahr 1600 in deutsche Reime gebracht. Bald darauf hat der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz den Liedtext vertont. Und dabei kommt ihm eine gute Idee. Er komponiert die Strophen nicht als feierlichen Choral, sondern als schwungvollen Tanz. 

Strophen 3 und 4

Lobet den Herrn mit frohem Mut / und blaset die Posaunen gut,
mit Psalter und mit Harfenspiel / lobt ihn und macht der Freuden viel.

Lobet den Herren mit Gesang / und lasst hergehn der Pauken Klang,
die Saiten lieblich klingen drein / mit Pfeifen fröhlich in den Reig’n. 

Der 150. Psalm will uns einstimmen. Wer ihn singt, übt schon für das ewige Gotteslob, das im Himmel erklingt: mit Gesang, dem Spiel vieler Instrumente und mit Tanz. Im Himmel gibt es kein Leid mehr – und auch keine falschen Töne! Alle singen und spielen ihre Stimme in der großen Partitur des Lebens. Das Stück heißt: Gott sagt „Ja“ zu Mensch und Welt, und wir danken dafür. Wer aber dankt genau? Dafür kennt die Bibel eine wunderbare Formulierung. Sie heißt: „Alles, was Odem hat!“ 

Alles was Odem hat, lobe den Herrn (Responsorium). Halleluja! 

Ganz am Ende des Liedes mündet der Dank in ein jubelndes und vielstimmiges „Halleluja“. Soll damit das Leid weggesungen werden? Nein, das nicht. Aber das Halleluja ist eine Gegenstimme zu allem irdischen Klagen. Nicht nur in frohen, sondern auch in dunklen Zeiten, in Kriegen und nach Katastrophen, haben Christen und Juden das Halleluja angestimmt: um sich daran zu erinnern, was Gott verheißen hat und um gegen diejenigen zu protestieren, die mit Kriegsgeschrei das Halleluja übertönen wollen. Jedes Mal, wenn wir hier auf Erden das Halleluja singen, kann uns das einstimmen auf jenes Lob, das die Zeit sprengt und das kein Ende kennt.

Halleluja, Halleluja, Halleluja!

 

 

 

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