Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Eine Frühaufsteherin bin ich eigentlich nicht. Aber wenn ich es jetzt im Sommer doch einmal erlebe, wie früh am Morgen die Sonne aufgeht und mit ihren Strahlen der Tag erwacht, ist das ein besonderes Erlebnis.

Die helle Sonn leuch‘ jetzt herfür – die fröhliche Melodie des Chorals von Melchior Vulpius ist dazu die passende Begleitung.

Choral Stimmwerck, Die helle Sonn leucht jetzt herfür (Vorspiel)

Die helle Sonn leuch‘ jetzt herfür – der Text stammt von Nikolaus Hermann, Pfarrer und Lehrer zu Luthers Zeiten. Nikolaus Herman war sich – wohl viel mehr als ich heute – bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es jeden Tag wieder hell wird. Und dass es erst recht nicht selbstverständlich ist, jeden Morgen wohlbehalten zu erwachen und aufstehen zu können:

Die helle Sonn Strophe 1

Für Nikolaus Herman war klar: Dass er die Nacht unbeschadet überstanden hat und der neue Tag gut beginnen kann, ist ein Geschenk von Gott. Ich merke: Was die Nacht und den frühen Morgen angeht, so kann ich mit ihm recht gut mitfühlen. Wenn ich schlafe, bin ich ja tatsächlich ganz passiv und schutzbedürftig.

Anders ist es am Tag – da fühle ich mich eigentlich selbst verantwortlich. Da muss ich selbst auf mich achten und handeln und entscheiden. Nikolaus Herman dagegen betont in der zweiten Strophe seines Morgenliedes: Auch am Tag sind wir auf Gottes Schutz angewiesen. Auf seine „lieben Engelein“, die „unsere Hüter und Wächter“ sind.

Die helle Sonn Strophe 2

Und nicht nur, um uns vor Schaden und Unfall zu schützen, brauchen wir Gott auch während des Tages. Dass wir Gott „stets vor Augen haben in allem, das wir heben an“ – darum bittet Nikolaus Hermann in der dritten Strophe und sagt damit: Auch das, was wir selbst vorhaben, auch das wird nur gut, wenn es mit Gott geschieht.

Die helle Sonn Strophe 3

Was immer ich tue und schaffe, ich tue es nicht allein für mich – und auch nicht nur aus mir selbst heraus: In einer Welt voller Projektbeschreibungen, Zielvereinbarungen und To-do-Listen ist das ein eher fremder Gedanke. Aber es tut mir gut, wenn mir etwas nicht gelingt – weil ich dann mit meinem Scheitern nicht allein bin, sondern ein Gegenüber habe, dem ich meine Enttäuschung anvertrauen kann. Und es tut mir gut, wenn mir etwas gut gelingt. Weil es mich bei allem berechtigten Stolz daran erinnert, dass ich den Erfolg nicht nur mir selbst verdanke, sondern immer auch anderen Menschen – und letztlich Gott.

Und noch etwas ist mir an den Gedanken aus dem Morgenlied von Nikolaus Herman wichtig: Dass es eben nicht nur darauf ankommt, dass etwas gelingt – sondern auch darauf, warum ich es überhaupt tue. Denn diese grundsätzliche Frage – warum steht etwas überhaupt auf meiner To-do-Liste und muss es da wirklich stehen? – die geht mir manchmal im Trubel des Alltags tatsächlich verloren.

Nikolaus Herman hat für sich ein Kriterium dafür gefunden, was der Mühe wert ist: Was zu Gottes Lob dient – so sagt er es. Was bedeutet das? Für mich übersetze ich das so: Der Mühe wert ist das, was dem Guten dient – mir selbst und anderen.

Und ich glaube: Es lohnt sich, immer wieder zu prüfen, was wirklich der Mühe wert ist. Heute, am Sonntag, ist Zeit dafür. Damit ich morgen, wenn die Sonne aufgegangen ist, fröhlich aufstehen und ans Werk gehen kann.

Die helle Sonn Strophe 4

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Musiken 1-5   

Choral Stimmwerck Die helle Sonn leucht jetzt herfür
SWR Archiv  M0343060 01-024  

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