Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wenn ich morgens nach dem Aufstehen das Fenster zum Lüften aufmache, dann geht mein Blick als erstes zum Himmel. Wie wird heute das Wetter?

Es tut einfach gut, die frische Luft einzuatmen und aus dem umgrenzten Raum in die Weite des Himmels zu schauen. Ohne diese Weite könnte ich nicht leben. Sie tut meiner Seele gut. Wenn ich mich eng und bedrückt fühle, dann ist die beste Gegenmaßnahme, raus zu gehen und ein Stück Himmel zu sehen. Am besten, wenn ich seine Weite und Unendlichkeit wahrnehmen kann – etwa auf einem Berg, oder am Wasser. 

Der Himmel – er macht mein Herz weit, und zugleich fühle ich mich unter ihm geborgen  wie unter einem großen Zeltdach. So beschreibt es schon ein Beter in den Psalmen. „Du hast den Himmel aufgespannt wie ein Zelt“. 

Der Himmel und Gott – sie gehören eng zusammen. In der Bibel finden wir die Vorstellung, dass der Himmel der Wohnort Gottes ist. So ist er über allen und zugleich für alle da. Denn der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, ist der Gott aller Menschen. 

Früher hatten die Menschen durchaus die Vorstellung, dass Gott über den Wolken thront. In den barocken Kirchen wurden daher die Decken oft als Himmel ausgemalt, der sich für die Gläubigen öffnet, so dass sie Gott sehen konnten. Aber für uns , die wir in Flugzeuge steigen können, hat der Himmel viel von seiner symbolischen Kraft verloren. Wenn wir mit Teleskopen und  Raumschiffen immer weiter in den Weltraum vordringen, so zeigt er sich nur in seiner unendlichen Dunkelheit, in der scheinbar kein Gott zu finden ist. 

Wenn in der Bibel vom „Himmel“ die Rede ist, dann geht es nicht um den geographischen Ort. Mit „Himmel“ ist vielmehr die Erfahrung des Göttlichen gemeint. Im Englischen gibt es dafür das Wort „heaven“ – im Gegensatz zu „sky“. 

Dieser göttliche Bereich ist dem Zugriff der Menschen entzogen. Aber Gott selbst öffnet den Himmel, weil er den Menschen nahe sein will. Das ist der Kern der Botschaft Jesu. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt  proklamiert er:

„ Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe.“ 

Die Menschen kommen aus dem Staunen nicht heraus:  In der Begegnung mit Jesus spüren sie, wie alles, was sie bedrückt, von ihnen abfällt – sogar ihre Schuld wir ihnen vergeben. Sie können aufatmen und sich wieder aufrichten. Sie werden geheilt an Leib und Seele. Gerade so, als ob sie im „Himmel“ wären. 

Mit Jesus ist das Himmelreich , ja Gott selbst, nahegekommen. 

Wie ist das mit dem Himmelreich, wollen seine Zuhörer wissen? Und Jesus erzählt ihnen ein Gleichnis – von einem Sämann, der seinen Samen aussäht. Dabei fällt manches auf steinigen Boden oder auf den Weg, wo es zertreten wird. Wenn der Samen aber auf guten Boden fällt, dann geht er auf und bringt reiche Frucht, dreißigfach, sechzigfach und hundertfach!!“ 

Und Jesu Zuhörer begreifen, dass genau das mit ihnen passiert, wenn sie sich auf die Begegnung mit ihm einlassen. Dann beginnen seine Worte  in ihrer Seele Wurzeln zu fassen, und das Himmelreich wächst auch in und unter ihnen. Zwischen ihnen herrschen dann nicht mehr Ausgrenzung,  Missachtung und Angst . Sie beginnen einander zu vertrauen und ihr Leben zu teilen, sie achten nicht zuerst auf den eigenen Vorteil sondern sorgen sich darum, dass keiner zurückbleibt. Sie freuen sich daran, dass sie zusammengehören, so unterschiedlich sie auch sein mögen. 

„Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf.“

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