Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Singt doch mal was Neues. Nicht nur immer die alten Lieder aus dem Gesangbuch.“ Viele habe ich das schon sagen hören und habe es selbst auch schon gesagt: „Singt mal was Neues in den Gottesdiensten. Damit sie vielleicht auch moderner werden.“

Wissen Sie, was paradox ist? Diese Forderung „neu“ zu singen, ist uralt. Der Psalm 98, also ein Gebet aus dem Alten Testament, weit über 2000 Jahre alt, beginnt schon genau so. Allerdings mit einer anderen Begründung, warum „neu“ gesungen werden soll. Der Wunsch nach Modernität bewegt ihn anscheinend nicht. Neue Lieder müssen einfach entstehen, wenn und weil man Neues erlebt: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er sieget mit seiner Rechten, lässt sein Heil verkündigen und macht Gerechtigkeit offenbar.“

Musik 1 singet dem Herrn

Dieses „neue geistliche Lied“ aus dem Evangelischen Gesangbuch stammt aus den 1960er Jahren. Die 1. Strophe wiederholt die alten Psalmworte. Und wird damit diesem Paradox gerecht: Neu zu singen ist eine uralte Forderung. Aber das macht sie nicht obsolet, sondern dringlich: Es genügt nicht, Altes zu wiederholen. Den Glauben in alten Traditionen quasi in Deckung zu bringen. Aber man muss auch nicht meinen, man müsse den Glauben und seine Lieder völlig neu erfinden.
Paulus Stein, der Textdichter und Rolf Schweizer, der Komponist, haben beides 1963 in ihrem Lied kongenial verbunden. Die 1. Strophe erinnert, auch noch so „Neues“ steht auf den Schultern des Alten.

Die zweite Strophe macht deutlich, Gott heute zu erfahren, das beginnt oft damit, dass man ihn sucht, weil er verborgen scheint. Also zu singen von dem, der einem fehlt. „Du meinst, Gott sei sehr verborgen, sähe nicht, was dich bedrückt?“

Musik 2  „singet dem Herrn“

„Sieh auf dein Leben.“ Ja, eigentlich ist es naheliegend, nach Spuren Gottes auch im eigenen Leben zu suchen. Und sie darin zu finden, dass ich immer noch bin, vielleicht auch, dass ich werden konnte, der ich bin: „Er hat Dich bewahrt.“ Zweifellos, vieles in meinem Leben hätte auch anders ausgehen können. Aber ist das schon ein Wunder? Vielleicht nicht landläufigen Sinn. Aber wunderbar finde ich es schon.

In der dritten Strophe spornt mich das Lied an, noch genauer hinzuschauen, wovon ich immer neu singen kann. Und stößt mich mit der Nase auf Menschen. Die es in meinem Leben jedenfalls, Gott sei Dank, immer wieder gibt. Menschen, die mich verstehen und mich annehmen.

Aus der Freude über diese Menschen wird im Lied auch ein Lob auf Gott. Zurecht? Ich denke schon. Weil ich glaube: Gott ist Mensch geworden. Und das heißt, Gott ist in allen Begegngungen, die wahrhaft menschlich sind. Ich hoffe, Sie und ich erleben das immer wieder das Glück zum Beispiel, wahrhaftig verstanden zu werden. Und wenn wir es erleben, wird uns hoffentlich bewusst, weil es dann in uns anfangen kann, zu singen.

Musik 3         singet dem Herrn Str 3

--------------------------
Musikangaben

„Singet dem Herrn ein neues Lied“
SWR Archiv Musikarchiv
Coro Piccolo   Ltg Christian Markus Raiser

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24521