Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal frage ich mich, ob frühere Zeiten nicht ein innigeres, ein tieferes Verhältnis zu Gott gehabt haben? Im Zeitalter des Barock, aus dem das heutige Lied stammt, waren die Verhältnisse und die Menschen kaum friedlicher als heute. Konnte man damals nicht schon irre werden an Gottes gutem Willen und seiner gütigen Weisheit?

Benjamin Schmolck, der Autor unseres Lieds, seit 1714 Pfarrer und Oberhofprediger an der Friedenskirche in Schweidnitz, dachte da anders. Voller Gottvertrauen dichtete er: „Schaff's mit mir, Gott, nach Deinem Willen... Du bist mein Vater, du wirst mich/ versorgen, darauf hoffe ich!“

Schaff's mit mir, Gott, nach Deinem Willen,
es bleibt Dir Alles heimgestellt
Du wirst mein Wünschen so erfüllen,
w
ie's Deiner Weisheit wohlgefällt.
Du bist mein Vater, du wirst mich
versorgen, darauf hoffe ich!

Johann Sebastian Bach, Zeitgenosse des Liederdichters, muss sehr angetan gewesen sein von Schmolcks Text. Er hat ihn jedenfalls mit einer, wie ich finde, hinreißenden Melodie vertont. Beides, Text und Melodie, haben dann Eingang gefunden in das berühmte „Clavierbüchlein von Anna Magdalena Bach“.
Den Choral singt uns heute ein junger Sopran aus dem Leipziger Thomanerchor. Mühelos und strahlend durchdringt seine Stimme alle Zweifel: „Du bist mein Gott, mein Heil, mein Schutz/mit dir biet’ ich dem Teufel Trutz.“

Zu dir mein Gott steht mein Vertrauen,
du bist mein Gott, mein Heil, mein Schutz,
auf dich will ich beständig bauen,
mit dir biet’ ich dem Teufel Trutz.
Ist Gott für mich und bleibet mein,
wer mag mir dann zuwider sein?

Ich meine übrigens nicht, dass frühere Generationen naiver gelebt und geglaubt hätten als wir heute. Was Hölle, Tod und Teufel bedeuten, davon konnten die Menschen auch damals ein Lied singen. Ich glaube, damals wie heute hatte man die Wahl: entweder angesichts der Schrecken dieser Welt zu verstummen und zu verzweifeln. Oder sich der väterlichen Macht Gottes anzuvertrauen. Darauf zu bauen, dass bei Gott Hilfe und Hoffnung zu finden sind. Aber auch ein Weg, auf dem Gott mich durchs Leben leiten wird.

So wie es jetzt in der letzten Zeile heißt: „Du bist mein Vater, du wirst mich/ treu führen, darauf hoffe ich.“

Zu dir mein Gott steht mein Vertrauen,
du bist mein Gott, mein Heil, mein Schutz,
a
uf dich will ich beständig bauen,
mit dir biet’ ich dem Teufel Trutz.
Du bist mein Vater, du wirst mich
treu führen, darauf hoffe ich.

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CD Johann Sebastian Bach, Clavierbüchlein von Anna Magdalena Bach, Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, 2001, LC 03722, Track 3
CD Der Tag bricht an, 2009 hänssler CLASSIC, LC 06047, Track 14

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