Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(Gotteslob 344)

Im Alltag sag ich das manchmal vor mich hin, wenn ich ungeduldig warten muss: „Jetzt, komm schon!“ Das Lied zu diesem Sonntag fängt auch an mit so einem „Komm“: „Komm herab, o Heil‘ger Geist“. Auch mit dem Heiligen Geist sind Menschen wie ich ungeduldig. Allerdings liegt es nicht zuletzt an mir, ob der Heilige Geist bei mir ankommt. Ob er eine Chance hat, seine Wirkung in mir zu entfalten, wo er doch schon immer da ist.

Ich bin überzeugt, dass in jedem Menschen eine Sehnsucht nach Gott brennt. Nicht jeder nennt es vielleicht so. Für manchen ist es die Sehnsucht, dass er zufrieden sein kann, dass Familie und Freunde zusammenstehen, dass er sich im Beruf verwirklichen kann oder die Sehnsucht nach einer Welt, in der keiner zu kurz kommt. Hören wir es in der lateinischen Fassung „Veni Sancte Spiritus“:

Komm herab, o Heil'ger Geist,

der die finstre Nacht zerreißt,

strahle Licht in diese Welt.

Ich spüre diese Sehnsucht gerade dann, wenn ich einen besonders glücklichen Moment erlebe und möchte, dass er niemals endet: Wenn ich Zeit mit Freunden verbringe und mich berührt, was sie von sich erzählen, oder bei einem Fest, bei dem alle zusammenkommen, die mir etwas bedeuten. Aber auch dann, wenn scheinbar mal wieder alles schief geht. Wenn ich jemanden beleidigt habe, ohne es zu wollen. Oder wenn ich einen Menschen verloren habe und traurig bin. Wenn ich überglücklich bin und will, dass das Glück nicht endet, aber auch, wenn ich leide und meine, das ich nicht mehr kann - in beiden Situationen spüre ich, dass ich als Mensch Grenzen habe. Aber in dem Moment, wo ich diese Grenzen spüre, spüre ich auch, dass ich über diese Grenzen hinaus will. Das verbindet mich mit allen Menschen, die diese Sehnsucht kennen nach dem, was hinter dieser Grenze kommt. Ich hoffe, dass es Gott ist, und dass sein Geist mich dorthin führt.

Der Mystiker Meister Eckhart hat ein Bild dafür, dass wir Menschen von dieser Sehnsucht brennen: Gott ist für ihn wie ein Feuer, das wärmt und hell ist und Funken sprüht. Und einer dieser Funken ist für ihn tief in der Seele jedes Menschen. Vielleicht dieses Brennen, das ich auch kenne.

Man weiß nicht genau, wer das „Veni Sancte Spiritus“ gedichtet hat, die Forscher halten es aber für möglich, dass es Stephen Langton im 13. Jh. getextet hat. Wie Meister Eckhart bringt auch er die Feuer- und Licht-Bilder zur Geltung: Gottes Geist als Licht, das die Nacht zerreißt, die Welt hell macht und das wärmt und belebt, was kalt und starr ist.

Und das gilt nicht nur für mich, sondern für alle, besonders für die Armen. Deshalb wird der Geist hier auch als Pater pauperum bezeichnet, als Vater, der für die Armen und Benachteiligten sorgt:

Komm, der alle Armen liebt,

komm, der gute Gaben gibt,

komm, der jedes Herz erhellt.                            

Das „Veni Sancte Spiritus“ wird zu Pfingsten gesungen, wenn die Christen um den Heiligen Geist bitten. Schon im Mittelalter haben die Leute diesen Gesang besonders verehrt und als die „Goldene Sequenz“ bezeichnet. Die Melodie der Strophen drängt immer weiter nach oben und sie verändert sich immer nach zwei Strophen. Erst am Ende kommt sie wieder unten an, wie es im Text heißt, auf „der Seele Grund“. Der Gesang ahmt die Verwandlung und Veränderung nach, die er beschwören will und vertont damit auch diesen Funken, der in mir brennt. Und dabei geht es darum, was ich als Christ hoffe, nämlich, dass diese Veränderung von Gott gestaltet und zum Guten geführt wird, gerade dann, wenn ich an meine Grenzen komme. Wenn ich das glaube, dann sind diese Grenzen zwar da, aber sie sind keine Stopplinien, hinter denen nichts mehr kommt. Sie sind eher die Hürden, über die ich springe, wenn ich glaube: Wenn mich darauf verlasse, dass mich jemand hält, wenn ich falle. Selbst noch, wenn ich sterbe.

Komm, o du glückselig Licht,

fülle Herz und Angesicht,

dring bis auf der Seele Grund.

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