Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(EG 396)

Jesu, meine Freude,

meines Herzens Weide, 

Jesu, meine Zier,

ach wie lang, ach lange 

ist dem Herzen bange 

und verlangt nach dir!

Gottes Lamm, mein Bräutigam, 

außer dir soll mir auf Erden 

nichts sonst Liebers werden.

Weshalb hört sich so traurig an, was doch dem Inhalt nach ganz fröhlich sein könnte? Von Freude ist gleich zu Beginn die Rede, und später von Ergötzen und Lust. Hat sich der Komponist vertan, als er sich überlegt hat, welche Melodie zum Text passt? Kaum anzunehmen. Johann Crüger kannte den Dichter Johann Franck gut. Sie waren Landsmänner und haben sich im Entstehungsjahr 1653 bestimmt darüber ausgetauscht, wie das neue gemeinsame Lied werden soll. Welchen Charakter es haben und zu welchen Ereignissen des Glaubens und des Lebens es passen soll. So ist aus Jesu meine Freude ein nachdenkliches Stück geworden. Eher ein Trauergesang als ein Liebeslied. Es passt am besten in die Passionszeit. Und aus diesem Grund hören wir es ja auch heute.


Unter deinem Schirmen 

bin ich vor den Stürmen 

aller Feinde frei.

Laß den Satan wettern, 

laß die Welt erzittern, 

mir steht Jesus bei.

Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, 

ob gleich Sünd und Hölle schrecken,

Jesus will mich decken.

Das ganze Lied mit seinen sechs Strophen hat zwei Kernaussagen. Zum einen: Es gibt auf der ganzen Welt nichts, das mit Jesus in Konkurrenz treten könnte. An ihm hat der Mensch alles, was er braucht, um durch sein Leben zu kommen. Die Schätze, der Stolz, Schönheiten und Pracht - sie verblassen alle neben Jesus und versprechen etwas, das sie nicht halten können. Wenn’s darauf ankommt, sind sie nutzlos. Und Jesus eben nicht. Deshalb wird der, der das Lied singt, immer wieder aufgefordert, sich auf ihn zu verlassen, egal, was kommt. Das ist die zweite Aussage: Bei Jesus ist der Mensch aufgehoben - behütet, bedeckt, wie Franck dichtet.

Weg mit allen Schätzen! 

Du bist mein Ergötzen, 

Jesu, meine Lust.

Weg, ihr eitlen Ehren, 

ich mag euch nicht hören, 

bleibt mir unbewußt!

Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod 

soll mich, ob ich viel muß leiden, 

nicht von Jesu scheiden.

Spätestens jetzt wird klar, warum das Lied in Moll steht und ein Lied für die persönliche Klage ist. Weil die Freude an Jesus erst dann glaubwürdig ist, wenn sie sich im Leben bewährt. An guten Tagen an Gott zu glauben, ist leicht. Das ist eine alte Weisheit. Aber wenn es mir schlecht geht, wenn ich vor Sorgen/Angst schon morgens mit Herzklopfen im Bett liege, dann schwindet meine Sicherheit. Wenn ich das Böse auf unserer Welt sehe, Autos, die in Menschenmengen fahren, hungernde Kinder in Somalia, den Krieg in Syrien, dann kommen mir Zweifel, wie gut Gott ist, wenn er das zulässt. In allen sechs Strophen des Liedes tauchen die Abgründe unserer Existenz auf: Sünde, Hölle, der Tod, Elend, das Lasterleben. Um dann eindringlich zu betonen, dass es keine andere Lösung dafür gibt, als zu Jesus zu fliehen. Nur er kann retten, weil er alles am eigenen Leib durchgemacht hat. Das zu hören, macht mich froh.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23974