Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Auf der Gitarre gespielt klingt das Anfangsmotiv dieses Chorals geradezu bedrohlich. Wie die Filmmusik zu einem Thriller. Ich höre sofort: da geht es um was. Gleich zu Anfang: der musikalische Fall in die Tiefe. Ein Quintsprung nach unten. Als falle jemand in ein tiefes Loch...
Und dann - sofort dasselbe Intervall noch einmal! Aber jetzt in umgekehrter Richtung. Als ergriffe mich eine Hand, die mich nach oben zieht. Als beseele mich die Hoffnung, dass der Tiefpunkt nicht das Ende ist.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Martin Luther hat dieses Lied um die Jahreswende 1523/24 geschrieben. Es findet sich heute im Evangelischen Gesangbuch und in leicht geänderter Form im katholischen Gotteslob. Zu Luthers Zeit wurde das Lied vor allem bei Begräbnissen gesungen. In der späteren lutherischen Tradition bekam es einen festen Platz bei der Beichte und am Buß- und Bettag.
Denn die Frage, um die es geht, ist: Worüber definiere ich mich? Über das, was ich leiste und bereits geleistet habe? Oder über das, was ich empfangen habe, was mir geschenkt wurde in meinem Leben?    

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
des muss dich fürchten jedermann u
nd deiner Gnade leben.

Alles umsonst, denke auch ich manchmal. Eine Beziehung, in die ich viel Kraft investiert habe. Ein Berufsleben, in dem ich versucht habe etwas aufzubauen. Ein Leben, an dessen Ende ich Bilanz ziehe. Und mich frage: war alles umsonst?
Luther antwortet darauf: richtig, alles umsonst! Aber nicht in dem Sinne, in dem du es verstehst. Nicht im Sinn von vergeblich!

Sondern alles umsonst im Sinn von: Alles gratis! Gratis ist Gottes Gnade. Gratis ist das Licht eines neuen Morgens. Gratis ist, dass Du mit Leib und Seele jeden neuen Tag begrüßen darfst!  
Unter dieser Perspektive sieht meine Bilanz plötzlich anders aus. In dem, was mir als umsonst, als vergeblich erscheint, leuchtet das auf, was gelungen und geglückt ist. Was gut war - ohne dass ich selber wüsste, was ich dazu beigetragen hätte.  

Mir kommt Gott manchmal vor wie ein guter Freund, der die Rechnung für ein ausgelassenes, fröhliches Wochenende übernimmt. Nur dass es sich nicht um ein Wochenende handelt. Sondern um mein ganzes Leben. Gott ist der Einladende!
Im letzten Vers des Chorals ist darum von einer Hoffnung die Rede, die mich aus der Tiefe zieht. Wenn ich nicht mehr fürchten muss, meine Bilanz sei zu mager. Sondern vertrauen darf auf Gottes Güte, auf sein Wort.  

Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen,
die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.

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CD: Martin Luther, Choräle auf sechs Saiten von Reinhard Börner, cap-music, LC 6860

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