Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Am Ende der Nacht, als die Morgenröte schon aufsteigt, ist der Kampf zwischen Jakob und dem Engel schließlich zu Ende. Eine ganze Nacht, so wird es im ersten Buch der Bibel erzählt, hatten die Beiden miteinander gerungen. Der vor seinem Bruder geflüchtete Jakob. Und der Engel, der ihm beim Überschreiten des Grenzflusses Jabbok entgegengetreten war.

Ein zäher, verbissener Kampf, der damit endet, dass Jakob dem Engel die Erfüllung einer Bitte abringt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

Auch Christen haben diese Geschichte immer wieder gelesen. Und darin die Hoffnung wiedergefunden, dass die Nacht des Todes nicht das Letzte ist. Sondern in Christus ein neuer Tag beginnt. So wurde Jakobs Bitte auch zu ihrem Gebet.

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn...

Johann Sebastian Bach hat diese Motette in jungen Jahren komponiert. Lange gab es Zweifel, ob Bach selbst der Komponist sei.

Diese Zweifel gelten inzwischen als ausgeräumt. Alles deutet auf den großen Komponisten hin: die souveräne Führung der verschiedenen Stimmen; die wirkungsvollen musikalischen Affekte, die mir ein tröstliches Gefühl von Geborgenheit und Zuversicht vermitteln.

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn...

Die biblische Geschichte von Jakobs Kampf mit dem Engel spielt an der Schwelle zwischen Nacht und Tag, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Vergangenheit ist belastet mit dem Riss zwischen Jakob und seinem Bruder Esau. Die Zukunft ist offen und bietet Beiden die Chance zur Versöhnung.

Johann Sebastian Bach verallgemeinert diese biblischen Geschichte zu einer menschlichen Grunderfahrung. Immer wieder gibt es Schwellensituationen. Grenzsituationen, wo ich Vergangenes loslassen und Neues ergreifen muss.

Wie heute: Nicht selten ringe ich auch zum Jahreswechsel mit Dingen, die mich binden. Aber vielleicht bitte auch ich Gott um seinen Segen, für das Neue, das kommt.

Ganz bewusst hat Johann Sebastian Bach unter den letzten Teil seiner Motette eine Choralstrophe gelegt. Sie hat den Text: „Weil du mein Gott und Vater bist, dein Kind wirst du verlassen nicht, du väterliches Herz. Ich bin ein armer Erdenkloß, auf Erden weiß ich keinen Trost.“

Mir sagt das: Altes loslassen kann ich nur, wenn ich das Vertrauen habe, dass auf meinem Weg in die Zukunft ein Segen liegt.

Und das wünsche ich Ihnen für das neue Jahr:  Vertrauen und die Zuversicht, dass Gottes Segen mitgeht.

Weil du mein Gott und Vater bist, dein Kind wirst du verlassen nicht, du väterliches Herz. Ich bin ein armer Erdenkloß, auf Erden weiß ich keinen Trost.

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Alle Musiken

„Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn“ track 4 aus
CD: Johann Sebastian Bach, Motetten II, Thomanerchor Leipzig unter Leitung von Georg Christoph Biller, 1998 Philipps Classics, Hamburg, LC 0305

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