Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Wenn ein Schiff im Hafen ablegt, ist das ein besonderer Moment. Wie es sich von der Hafenmauer löst und langsam Fahrt aufnimmt, um für Stunden oder vielleicht sogar für Tage auf dem Meer unterwegs zu sein, bis es endlich sein Ziel erreicht. Im Hafen angekommen wird der Anker geworfen und an der Kaimauer stehen die Menschen, die schon lange auf seine Ankunft warten.

Dem mittelalterlichen Mystiker Johannes Tauler war dieses Aufbrechen und Ankommen wohl vertraut, denn er ist oft mit dem Schiff auf dem Rhein zwischen Köln und Basel unterwegs gewesen. Damals war eine Schiffsreise ein vertrautes Bild für die Lebensreise: Der Mensch ist unterwegs durch das Wasser der Zeit, bis er nach seinem Tod in der Ewigkeit Gottes ankern kann.

Tauler hat dieses Motiv in einem Gedicht aufgegriffen, aber er kehrt es um. Nicht der Mensch ist unter Mühen und Gefahren auf dem Weg zu Gott, sondern Gott macht sich auf, um bei uns Menschen anzukommen.

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein' höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Strophe für Strophe entfaltet Tauler sein Bild.. Die kostbare Fracht, die das Schiff bringt, ist Gottes Sohn. Er ist unterwegs zu uns. und dDarum geht es im Advent, der heute beginnt. Das Schiff, das den Sohn Gottes trägt, ist ein Bild für die schwangere Maria. Sie hat JA dazu gesagt, Gottes Sohn zu empfangen und zur Welt zu bringen. Durch sie kommt Gottes Liebe in unsere Welt. Und das ist ein dynamischer Prozess, zu dem man Segel und einen Mast braucht – Bilder für die Wirkmacht des Heiligen Geistes.

Das Schiff ist zugleich ein Bild für die Seele. Die Seele ist empfänglich für Gott und er will in unserer Seele Wohnung nehmen. Die Mystiker haben die Schwangerschaft Marias und ihre Geburt als Symbol dafür verstanden, dass Gott in jedem Menschen geboren werden will. Er will in unserem Leben und in unserer Wirklichkeit ankommen.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Das alte Gedicht von Johannes Tauler war lange vergessen, bis es Daniel Sudermann im Kloster St. Nikolaus in Straßburg wieder entdeckt hat. Für den evangelischen Pfarrer,  der in der dunklen Zeit des 30-jährigen Krieges lebte, war es ein wahrer Schatz für die vom Krieg traumatisierten Menschen. Sudermann verband den Text mit der Melodie eines alten Volksliedes und ergänzte es um drei weitere weihnachtliche Strophen . Im seinem wiegenden 6/8 Takt meint man fast das Schaukeln des Wassers zu spüren. So hat es seine Gemeinde vor rund 400 Jahren gesungen. So singen wir es bis heute.

Bei diesem Lied kommen mir unweigerlich ganz aktuelle Bilder in den Sinn. Schlauchbote auf dem Mittelmeer, übervoll beladen mit Menschen, die hoffen, in Europa in einem besseren Leben anzukommen. Von skrupellosen Schleppern im offenen Meer sich selbst überlassen. Advent und Weihnachten lassen sich nicht auf stimmungsvolle Momente reduzieren. Wenn Gott bei uns Menschen ankommt, dann ist er auch mitten im Drama auf dem Mittelmeer und in all den anderen Nöten rings um uns. Wenn wir mit Gott im Herzen Advent und Weihnachten feiern, können wir uns vor diesen Nöten nicht verschließen.

Das muss uns nicht Angst machen. Wir glauben, dass Gott bei uns ist. Mit ihm gewinnen wir festen Boden unter den Füssen. Er ist unser Hoffnungsanker.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt. 

(Max Reger, Einspielung SWR Vokalensemble)

 

M9050029-001, 2'28

N. N.; Reger, Max; ...  Es kommt ein Schiff geladen (Nr. 2) Adventslied

für fünfstimmigen gemischten Chor a cappella

SWR Vokalensemble Stuttgart; Creed, Marcus

M0080328-021 1'04

N. N.; Hinteregger, Wolfgang  Es kommt ein Schiff geladen

Hinteregger, Wolfgang

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