Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal ist es wichtig, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen: mein Leben, den Alltag, die Menschen, die mich umgeben, das, was mich freut, und das, was mich schmerzt. Der Sonntag heute hilft dabei. Er ist der letzte im Kirchenjahr, und in der evangelischen Kirche wird er Ewigkeitssonntag genannt.

Mein Blick auf mein Leben verändert sich, wenn ich es im „Licht der Ewigkeit“ betrachte. Wenn ich weit über das hinausdenke, was mich hier und heute bestimmt.

Das hat auch die Dichterin und Pfarrfrau Marie Schmalenbach so empfunden, als sie um 1875 ein Lied zum Ende des Kirchenjahres gedichtet hat. Für sie war dieses „Licht der Ewigkeit“ offenbar nichts Erschreckendes, sondern etwas Tröstliches: Brich herein, süßer Schein selger Ewigkeit! So bittet sie deshalb in der ersten Strophe.

Strophe 1 Kreuz-Chor

Was ist es genau, was der Dichterin Kraft und Trost spendet? Im Lied gibt sie zwei Hinweise, wie das „Licht der Ewigkeit“ für sie wirkt.
Das eine ist die trotzige Hoffnung des christlichen Glaubens, dass der Schmerz und die Verzweiflung, die manchmal in unser Leben einbrechen, nicht das letzte Wort haben.

Marie Schmalenbach, die gebildete Pfarrfrau, sie wusste, was Leid bedeutet. Sie wusste es aus eigener Erfahrung. Und sie wusste es sicher aus ihren Begegnungen mit Menschen in den Gemeinden in Westfalen, in denen sie mit ihrem Mann tätig war. In der zweiten Strophe beschreibt sie, wie Mühe, Angst und Not alles Leben erstarren lassen können. Und auch wenn ich andere Worte wählen würde, kann ich es gut nachempfinden, was sie sagt. Besonders heute, am Ewigkeitssonntag, wo wieder viele Menschen im Gottesdienst sitzen werden und um ihre verstorbenen Angehörigen weinen:

Strophe 2 Kreuz-Chor

Marie Schmalenbach selbst war zeitlebens oft krank und hat körperlich sehr gelitten. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat sie daran festgehalten, dass Gott eine andere, bessere Welt verspricht – und dass er in Jesus auch schon etwas davon gezeigt hat. Das „süße Licht der Ewigkeit“ öffnet für Marie Schmalenbach den Blick auf die Zukunft in Gottes neuer Welt. Einer Welt, in der Menschen friedlich und froh miteinander leben, nicht mehr bedroht von Angst und Schmerz.

In der letzten Strophe ihres Liedes aber spricht sie noch etwas Anderes an, was sich „sub specie aeternitatis“, im Angesicht der Ewigkeit, verändern kann.

Strophe 4 Kreuz-Chor

Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell hinein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine!

Unterscheiden können – zwischen dem, was wirklich groß ist, und dem, was nur so tut. Zwischen dem, was sich wichtigmacht, und dem, was wirklich wichtig – mir wirklich wichtig – ist. Es wäre oft schön, wenn mir das besser gelingen würde. Die Novembertage am Ende des Kirchenjahres, die an den Tod und Gottes Ewigkeit erinnern, können dabei helfen. Wenn ich mich daran erinnere, dass mein Leben begrenzt ist, wird vielleicht klarer, für was ich meine Lebenszeit verwenden möchte – und für was nicht wirklich. Und wenn ich merke, was für einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit ich nur sehen kann, dann werde ich vorsichtiger in meinen Urteilen – und hoffentlich auch gnädiger zu mir selbst und anderen.

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