Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 (GL 554)

Wachet auf; ruft uns die Stimme
der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde;
sie rufen uns mit hellem Munde:
Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohlauf, der Bräut'gam kommt!
Steht auf, die Lampen nehmt!
Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit;
ihr müsset ihm entgegengehn!

„Wachet auf!“ Der Ruf, mit dem das Lied zum Sonntag heute beginnt, passt zum frühen Morgen. Und jeder, der gerne ausschläft, weiß, welche Überwindung es kostet, wenn man raus muss aus den Federn. Aber hier geht es nicht um eine lästige Verpflichtung, sondern um eine Hochzeitsfeier. 1559, als der lutherische Pfarrer Philipp Nicolai das Lied geschrieben hat, war es bei so einem Fest wahrscheinlich nicht viel anders als heute: Freunde und Bekannte warten in der Kirche auf das Brautpaar. Jeder freut sich auf ein einmalig schönes Fest. Und das beginnt mit der Begegnung von Braut und Bräutigam vor dem Altar. Es ist zwar noch nicht ganz so weit, aber innerhalb von ein paar Minuten wird sich die Stimmung verändern. Eben noch haben alle gewartet, jetzt ist Hochstimmung.

Die Stimmungsmacher sind nicht das Brautpaar, sondern die, die auf es warten. Hier sind das die Wächter. Zu einer Zeit, als der Bräutigam noch nicht da ist. Für mich entspricht das Momenten, in denen ich Menschen brauche, die mich beruhigen. Sie sind dann wie die Wächter, die der Braut ein Lied singen: „Zion hört die Wächter singen; das Herz tut ihr vor Freude springen; sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, […]. Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.“

Wenn Bräutigam und Braut dann vor dem Altar stehen, ist das der Augenblick, auf den alle so lange gewartet haben. Genau jetzt beginnen sie einen neuen Lebensabschnitt.

Dass ich neue Lebensabschnitte beginne, gibt es auch, wenn ich eine neue Stelle antrete oder an einen anderen Ort ziehe. Das Besondere an einer Hochzeit ist aber, dass ein neuer Lebensabschnitt damit beginnt, dass zwei Menschen sich liebgewonnen haben und ihre Zukunft darauf aufbauen. Ihre Liebe ist exklusiv für den einzelnen, aber die Freude darüber springt über auf Freunde und andere Menschen. Hier im Lied wird das Bild der Hochzeit auf die Liebe zwischen Gott und Mensch übertragen: Sie gilt mir als einzelner exklusiv, aber wenn sie überspringt, bin ich nicht allein, sondern in einer Gesellschaft, in der keiner Hunger leidet; und keiner Leid erlebt, in der selbst der Tod uns nicht auseinanderreißen kann. Weil wir in Liebe verbunden sind.

Wenn ich darauf baue, kann ich gar nicht anders, als dass ich mich jetzt schon darauf freue und über diesem Fest alles andere vergesse:

Gloria sei dir gesungen
mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt,
wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Aug hat je gespürt,
kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir
und singen dir
das Halleluja für und für.

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