Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 466)

Strophe 1

Franz von Assisi ist ein besonderer Heiliger. Egal ob katholisch oder evangelisch, sogar die Ungläubigen: Alle lieben ihn. Fast alle. Es gibt schon auch welche, denen er suspekt ist. Wegen seiner Demut. Weil er so bescheiden, ja arm gelebt hat. Und weil er immer in Treue an seiner Kirche fest gehalten hat. Obwohl er deutlich Kritik an ihr geübt hat und in Sorge war, dass sie das vernachlässigt, was Jesus wichtig war.

Denn genau aus diesem Grund ist der Heilige Franziskus auch für mich ein besonderer Heiliger. Er kommt Jesus so nahe wie fast kein zweiter. Er lebt mit Gefährten zusammen wie er. Er hat kein festes Zuhause und besitzt so gut wie nichts. Alles an ihm scheint so hell zu sein, klar, rein, einfach. Das fasziniert mich. Und es fordert mich heraus.

Strophe 2

Herr, dich loben die Geschöpfe, dich Gott, loben Raum und Zeit.

Sieh, die edle Schwester Sonne lobt mit ihrer Herrlichkeit,

diesem Abbild deines Lichts - alle Schöpfung lobt den Herrn.

 

Lob auch bringen die Gestirne, Bruder Mond, der Freund der Nacht.

Schau, wie Bruder Wind behände Lobgesang aus Wolken macht,

tausendfaches Himmelslied - alle Schöpfung lobt den Herrn.

Das Lied zum Sonntag heute stammt von Franz von Assisi. Der Text des Liedes geht auf ein Gedicht zurück, das der Heilige im Jahr 1225 geschrieben und wohl auch gesungen hat. Es trägt im Deutschen den Titel: Sonnengesang. Wobei der ursprüngliche italienische Titel besser den Inhalt des Lieds trifft: Cantico della creature, Gesang der Geschöpfe. So beginnt dann auch die moderne Fassung, wie sie jetzt im katholischen Gesangbuch GOTTESLOB bei Nummer 466 steht.

Das Lied ist ein Lob auf den Kosmos, wie Gott ihn erschaffen hat. Nichts wird dabei ausgespart: Sonne und Mond, der Raum und die Zeit, die Elemente, die Jahreszeiten, die Pflanzen und die Tiere. Für Franziskus zeigt sich in dem allen Gott. Wenn wir etwas von ihm begreifen wollen, von seiner Größe, von seinem Plan mit unserer Welt, dann rät er uns: Schaut genau hin, staunt und sagt: Danke, Gott!

Das Wichtigste an diesem Lied des Hl. Franz kommt ganz am Schluss, in der letzten Strophe. Dort lobt er den Tod. Auch ihn nennt er Bruder. So entgeht er der Gefahr, dass sein Loblied auf Gott naiv wirkt, harmlos gar. Wer Gott lobt, der muss auch die dunkle Seite mit einbeziehen, die Kriege und Katastrophen, und eben den all gegenwärtigen Tod. Franziskus wusste genau, wovon er sprach. Die letzte Strophe seines Sonnengesangs hat er als Todkranker verfasst, gezeichnet von Schmerzen. Ich vermute, es hat ihn Kraft gekostet, so vom Tod zu sprechen. Aber es passt zu seinem tiefen Glauben, dass er auch den Tod akzeptiert - als Teil von Gottes Plan.

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