Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 840 Mainz; EG 552 Hessen-Nassau, Kurhessen-Waldeck

Warum  stehe ich eigentlich jeden Tag auf? Was treibt mich an? Was macht mich lebendig? Auf solche existentiellen Fragen gibt es viele Antworten: Weil mich jemand braucht; weil ich Geld verdienen will; weil ich für meine Kinder da sein möchte; weil mir mein Job wichtig ist. Eine Antwort kann aber auch lauten: Weil ich einem Vorbild nacheifere; weil mir jemand anders vorgelebt hat, was wichtig ist. In der christlichen Tradition heißt das: Ich stehe jeden Tag auf, ich bin und fühle mich lebendig, weil ich mich an Jesus orientiere. Das mag naiv klingen. Weltfremd. Das Lied »Einer ist unser Leben« buchstabiert aus, wie aktuell das ist: Jesus als Vorbild zu nehmen. 

Einer ist unser Leben, Licht auf unseren Wegen, Hoffnung, die aus dem Tod erstand, die uns befreit.

1. Viele hungern, die andern sind satt in dieser Welt, einer teilte schon einmal das Brot, und es reichte für alle. 

»Einer ist unser Leben« hat der Frankfurter Pfarrer und Dichter Lothar Zenetti  geschrieben. Der Name „Jesus“ taucht im ganzen Lied nicht auf. Es ist immer nur von einem namenlosen „Einer“ die Rede. Aber es ist klar, wen Zenetti meint. Denn wer teilt das Brot, das für alle reicht? Wer schenkt eine Hoffnung, die aus dem Tod erwächst? »Einer« ist Jesus. Warum aber wählt Zenetti diese anonyme Anrede? Die Strophen geben eine Antwort: Dem Texter geht es um mehr, als um ein frommes Bekenntnis zu Jesus. In den Strophen wird Jesus als Mensch der Tat vorgestellt. Er ist einer, der anpackt, wo Not am Mann ist, er ist einer, der sieht, was zu tun ist. Er macht sich die Hände schmutzig. Damit es Menschen nicht mehr dreckig geht. 

Einer ist unser Leben, Licht auf unseren Wegen, Hoffnung, die aus dem Tod erstand, die uns befreit.

2. Viele werden verkannt und verlacht, werden verfolgt, einer nahm sich der Wehrlosen an, wurde arm mit den Armen. 

Das Lied »Einer ist unser Leben« stammt aus den Siebzigern. Ist schon über 40 Jahre alt. Und doch wirkt es angesichts der aktuellen Lage in Deutschland und der Welt ziemlich gegenwärtig. Verfolgung, Armut, Hunger, Ohnmacht: Das lässt sich auch im Jahre 2016 ganz real Tag für Tag erleben. Auf die Frage, wie wir heute mit unserer Situation umgehen sollen, gibt »Einer ist unser Leben« nur eine indirekte Antwort. Das Lied erzählt von einem, der hier zur Tat schreitet. Der nicht wegsieht oder Grenzzäune errichtet. Es erzählt von Jesus als einem Menschen, der Leben schenkt und lebendig macht. Auch und gerade für die, die nichts haben und sind. Die Frage liegt auf der Hand: Können Christen heute an diesem Vorbild vorbeigehen? An Jesus, der Menschen Leben schenkte, ihnen Hoffnung machte? 

Einer ist unser Leben, Licht auf unseren Wegen, Hoffnung, die aus dem Tod erstand, die uns befreit. 

Wer sich fragt, was das Christentum ausmacht und auch das christliche Abendland, dem kann das Lied »Einer ist unser Leben« Auskunft geben. Es erzählt davon, was christliches Handeln und Leben heißt: Allen Menschen Hoffnung geben, Licht sein, Leben schenken. Das gilt nicht nur für Jesus und die Menschen, denen er vor 2000 Jahren begegnete. Das gilt auch für alle Menschen, denen Christen heute begegnen. »Einer ist unser Leben« macht klar: Wer an Jesus glaubt, der kann nicht nur Lippenbekenntnisse abgegeben. Der muss sich herausfordern lassen. Der muss sich für andere Menschen, vor allem Menschen in Not, einsetzen. 

Einer ist unser Leben

Musik: Jean Liesse (1971)

Text: Lothar Zenetti (1973)

Aus CD »Singt Gott den neuen Lobgesang 2«. Hrsgg. vom Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz (ohne Bestell- oder CD-Nummer)

Jugendkantorei Ingelheim und ein Instrumentalensemble, Ltg.: Thomas Gabriel

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