Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Gott loben – geht das heute überhaupt noch? Und geht das heute, am 11. September? Heute vor 15 Jahren wurde der Anschlag auf das World Trade Center in New York verübt. Es war der größte Terroranschlag der Geschichte. Doch wie viele schreckliche Anschläge hat es allein in diesem Jahr gegeben! Geht das da überhaupt noch: Gott zu loben?
Wenn ich die Bibel aufschlage, dann finde ich dort das Lob Gottes häufig inmitten einer schrecklichen Wirklichkeit. Ein Mensch, der gerade aus schlimmer Bedrängnis gerettet worden ist, betet zum Beispiel: „Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder. Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster.“

Daraus ist eines unserer beliebtesten Kirchenlieder geworden:

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.

„Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!“

 Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Ich freue mich, dass ich lebe. Ich freue mich über all die Wunder, die ich sehe. Ich freue mich, dass ich atmen kann, dass ich etwas tun kann, dass ich singen und lachen kann. Dafür lobe ich Gott.

Ein unschuldiges, fröhliches Loblied. Der Psalm in der Bibel erzählt aber noch mehr. Er erzählt von Krieg und Vernichtung, von Elend und Unrecht.

Das Lied kommt ursprünglich aus Frankreich. Auf Französisch hat es noch mehr Strophen. Hier tritt Gott als Richter auf, der Gerechtigkeit bringt. Als starker König, der die Unterdrückten schützt:

Je louerai l’Eternel
Dieu, l'Eternel, est Roi, il règne à jamais,
Pour le jugement il dresse son trône,
Il jugera la terre.
Dieu l'Eternel est Roi, il règne à jamais,
Le monde verra la force de son bras, Alléluia!

Ich lobe meinen Gott, den ewigen König.
Er stellt seinen Thron auf, um allen Recht zu sprechen,
Er richtet diese Erde.
Ich lobe meinen Gott, den ewigen König,
Es sieht jedes Land die Stärke seiner Hand, Halleluja!

 Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Leur refuge au temps des grandes détresses,
Son nom est leur salut.
Dieu voit les opprimés, il est leur abri,
Il sauve les siens, car il est le Dieu saint, Alléluia!

 Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten.
Er ist ihnen Zuflucht in all ihrem Elend,
Denn dafür steht sein Name.
Ich lobe meinen Gott, den Schutz der Bedrückten,
Er sieht uns’re Not, denn er ist unser Gott, Halleluja!

(frz. Text: Yves Kéler 1988; Nachdichtung: Christian Hartung 2016)

 Der Gott, den dieses Lied lobt, ist kein harmloser, freundlicher Schönwettergott. Es ist der Gott des Lebens. Und dieses Leben – davon ist die Bibel fest überzeugt – dieses Leben ist stärker als der Tod. Aber dieses Leben steht auch allen zu. Auch den Menschen, die dort leben, wo Elend und Krieg herrschen. Oder die davor fliehen. Auch den Menschen in unserem eigenen Land, die nicht auf der Sonnenseite geboren sind. Die sich irgendwie durchschlagen müssen.

Gott sieht auch diese Menschen. Die Unterdrückten, die Ängstlichen, die Verstummten. Gott sieht auch mich, wenn ich mich ängstlich unterordne. Wenn ich vor dem Hass und der Gewalt zurückweiche. Mutlos schweige. Gott macht mich stark, dass ich das Vertrauen ins Leben nicht verliere. Dass ich gerne lebe, trotz allen Gründen zur Angst. Und darum lobe ich ihn.

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen. Trotz Terror, Krieg und Zerstörung. Trotz Hass, Angst und Gewalt. Denn Gott schenkt uns das Leben, jeden Tag.

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Musiktitel 1 M0351917-013:         
Bergèse, Alain; Reif, Michael; ... Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Rundfunkchor Berlin; Halsey, Simon

 Musiktitel 2 : Je louerai l’Eternel
Interpreten: Les Chantres, CD: Cantiques dans le vent, Track 20, VDE Gallo,
Labelcode: 21592

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