Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Auf der Spitze der Karlsruher Stadtkirche steht ein Engel. Seit ziemlich genau 200 Jahren schauen Menschen zu ihm empor. Umgekehrt ist der Blick des Engels auf die Passanten gerichtet, die dort unten ihrer Wege gehen.

„Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ An diesen biblischen Vers aus dem 91. Psalm muss ich denken, wenn ich die goldene Gestalt des Engels schon von weitem über dem Karlsruher Marktplatz leuchten sehe.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat sich von dem biblischen Engelwort zu einer seiner schönsten und beliebtesten Kompositionen anregen lassen.

Denn er hat seinen Engeln...

Immer schon haben Engelsgestalten fasziniert. Engel sprengen den Rahmen der Alltagserfahrung. Sie sind Fingerzeige Gottes, die in Krisen und an Wegscheiden dem Menschen begegnen.

Die Bibel erzählt davon, wie der kraftvolle und mutige Elia, erschöpft von seinem Kampf gegen den Baalskult im Land, in die Wüste flüchtet. Genauso energisch wie er eben noch für seinen Glauben gekämpft hatte, genauso deprimiert und kraftlos sinkt er jetzt in sich zusammen. Er will nur noch sterben. Da kommt ein Engel und reicht ihm einen Krug mit Wasser und ein geröstetes Brot zur Stärkung.

Den tröstlichen Engelschor fügt Felix Mendelssohn später in sein großes Oratorium „Elias“ ein. Und da passt er ja auch genau hin. Als Zuspruch an einen Menschen, der fertig ist mit sich selbst. Und dem Gott sagt: Nein, du bist nicht am Ende! Denn ich habe meinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen...

dass sie dich auf Händen tragen...

Wegen der Schönheit und Schlichtheit der Melodie erfreut sich Mendelssohns Komposition bis heute bei Kirchenchören großer Beliebtheit. Wie auch der zu Grunde liegende Text immer wieder als Taufspruch oder Wort zur Hochzeit gewählt wird.

Sicher auch in dem Wissen, dass uns auf unserem Lebensweg nicht nur gute Erfahrungen zuteilwerden. Sondern auch mancher Stoß, der blaue Flecken oder Schlimmeres hinterlässt. Dass es aber nicht bei Stößen bleibt, sondern aus Stößen Anstöße werden, das ist Sache der Engel.

Sie machen Situationen durchsichtig. Schaffen Klarheit. Manchmal erschüttern sie die Ordnung, in der ich mich eingerichtet habe. Manchmal bringen sie mich aus dem Gleichgewicht.
Aber immer haben sie eine Botschaft. Werfen einen Geistesblitz in meinen Alltag.

Zuweilen aber steht da einer, ganz real, auf einer Kirchturmspitze. Als warte er darauf, dass jemand unten auf der Straße ihn da oben entdeckt.

dass sie dich behüten...

 

Felix Mendelsohn Bartholdy: Denn er hat seinen Engeln befohlen, Kirchenwerke V, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius, Carus-Verlag, LC 3989

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