Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ohne Frage, es ist ein ungewöhnliches Lied, das ich Ihnen heute mitgebracht habe. Es ist kein Kirchenlied und steht in keinem Gesangbuch. Es ist aber, wie viele Kirchenlieder auch, ein Lobgesang. Ein Lobgesang auf Gottes bunte Schöpfung. Aus einer Zeit, in der vielen Menschen nicht zum Singen zumute war.

Es waren die Jahre der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkrieges, in denen der Trompeter und Jazzmusiker Louis Armstrong dieses Lied zum ersten Mal gesungen hat. 1967. Mit seiner unverwechselbaren Stimme singt er das Lob der Schöpfung in friedloser Zeit: What A Wonderful World!

Ich sehe grüne Bäume, rote Rosen – sie blühen für dich und mich.
Und ich denke so bei mir: was für eine wunderbare Welt!
Ich sehe den blauen Himmel, weiße Wolken, den vom Licht verwöhnten Tag und das ehrwürdige Dunkel der Nacht
– und ich denke mir: was für eine wunderbare Welt!

Die Farben des Regenbogens, die sich an Himmel so hübsch ausmachen,
spiegeln sich in den Gesichtern der Menschen wider.
Ich sehe Freunde, die sich mit „Na, wie geht’s?“ begrüßen –
was sie eigentlich meinen ist: „Ich liebe dich!“

Ich höre kleine Babys schreien, sehe, wie sie aufwachsen –
sie werden eines Tages mehr lernen, als ich je gewusst habe.
Und dann denke ich mir: was für eine wunderbare Welt!

 Ist das nicht reichlich naiv? Naiv, finde ich, wäre das Lied dann, wenn der Sänger den Blick abwenden würde von dem, was in der Welt geschieht. Das tut er aber nicht. Vielmehr singt er gegen alle Schreckensbotschaften den Lobgesang auf das Leben. In der Zuversicht, dass es so viele Dinge gibt, die wunderbar sind und bleiben: das Grün der Bäume und das Rot der Rosen. Das Geschrei der kleinen Babies, die die Kraft ihrer Stimme erproben. Und die Nachbarn und Freunde, die mich begrüßen.

Die aus Georgien stammende Sängerin und Komponistin Katie Melua hat das Lied im Jahr 2007 zu ihrem eigenen gemacht. Sie interpretiert es zusammen mit Eva Cassidy, einer Sängerin, die sie sehr verehrte und die im Jahr 1996 an Krebs gestorben war.

Mit Hilfe moderner Technik war es möglich, eine ältere Aufnahme von Eva Cassidy und eine moderne Aufnahme mit Katie Melua zu einem posthumen Duett zusammen zu schneiden. Ein Gesang auf das Leben, das die tote mit der lebenden Sängerin im gemeinsamen Musizieren vereint.

Auch davon erzählt dieses Lied: wie die Farben des Regenbogens am Himmel die Gesichter von Kindern und Erwachsenen auf Erden verzaubern.
Mit anderen Worten: das Schöne, von dem ich mich berühren lasse, die Melodie, die mich ergreift, sie entfalten eine Kraft eigener Art.   

So dass ich heute Morgen gerne einstimme in diesen Lobgesang, der - gegen allen Augenschein - behauptet: What A Wonderful World! Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Sonntag!

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Musik 1 und 2: What a wonderful world, track 1 aus CD Louis Armstrong, What a wonderful world; MCA records,  LC 01056

Musik 3 und 4:  What a wonderful world (duet with Eva Cassidy), track 3, aus CD “ The Katie Melua Collection”, Dramatico 2008,  LC  13350

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