Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Dass jemand von mir alles weiß, das ist eine schreckliche Vorstellung für mich. Also nicht nur meine kleinen Geheimnisse: Wo ich nicht ganz ehrlich gewesen bin oder mir ein peinlicher Fehler passiert ist. Sondern dass jemand mich absolut kennt, durch und durch, jede Kleinigkeit meiner Person, alles, was jemals passiert ist. Dass dieser Andere in mir lesen kann, wie in einem offenen Buch. Davor fürchte ich mich. Das will ich nicht.

Aber genau das kann Gott, sagt die Bibel im 139. Psalm. Und das Lied mit der Nummer 428 im katholischen Gesangbuch entfaltet diesen Gedanken in fünf Strophen. Marie-Luise Thurmair  hat es 1971 geschrieben. 

Herr, dir ist nichts verborgen;

du schaust mein Wesen ganz.

Das Gestern, Heut und Morgen,

wird hell in deinem Glanz.

Du kennst mich bis zum Grund,

ob ich mag ruh’n, ob gehen,

ob sitzen oder stehen,

es ist dir alles kund.

 

Von einem Menschen will ich nicht, dass er alles über mich weiß. Nicht mal von meinem besten Freund. Etwas möchte ich für mich allein bewahren, wo es ganz in die Tiefe geht und intim wird. Nicht zuletzt, weil ich mich frage, ob ich darüber selbst genügend weiß.

Und wie ist es mit Gott? Will ich, dass ihm nichts verborgen ist, dass er mein Wesen ganz schaut, mich bis zum Grund kennt? Für den Beter des Psalms, auf den das Lied zum Sonntag heute zurück geht, stellt sich diese Frage nicht. Für ihn ist das einfach selbstverständlich. Weil Gott Gott ist, ist das so. Er hat alles geschaffen. Er ist an jedem Ort des Universums anwesend und in jedem Augenblick, der entsteht und vergeht. Er kennt jedes Geschöpf. Er kennt dich und mich. 

Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.

Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir.

Von fern erkennst du meine Gedanken. 

Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt;

du bist vertraut mit all meinen Wegen. 

Mit diesen Worten beginnt der 139. Psalm im Alten Testament der Bibel. Aber - und das ist erstaunlich für mich - so wie da gebetet und gesungen wird, ist daran nichts Bedrohliches. Einen nachdenklichen Ton höre ich. Im Text und in der bewegenden Melodie von Caspar Ulenberg aus dem Jahr 1582. Wer so spricht, muss erst ahnen, was das bedeutet. Dann aber ist es gut zu wissen: Gott kennt mich. Weil er eben nicht neugierig ist, damit für ihn dabei ein Vorteil heraus springt. Sondern, weil er sich für mich interessiert: ob es mir gut geht; ob ich Hilfe brauche; ob es genügend Licht in meinem Leben gibt. Das ist im Lied von Thurmair die Kernbotschaft: Wo ich Dunkel sage, da ist vor dir (Gott) nur Licht. So in der dritten Strophe. 

Thurmairs Lied wiederholt nicht einfach die Aussage des Psalms, der 3000 Jahre älter ist, mit neuen Worten. An dieser Stelle wird er zu einem aktuellen Text und spiegelt etwas vom Selbstverständnisdes modernen Menschen wieder. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist nicht einfach gottergeben. Er vertraut Gott nicht blind. Er kann sich gegen Gott wenden, kann dem Bösen hinterher laufen und so große Probleme produzieren, dass er von der Dunkelheit verschlungen wird. Das lehren die beiden Weltkriege, und die globalen Katastrophen, mit denen der Mensch das Leben auf der Erde in größte Gefahr bringt. Trotzdem kann er das Licht Gottes nicht auslöschen. An dieser Zuversicht hält das Lied unbeirrt fest. Bis in seine hoffnungsvolle letzte Strophe hinein. 

Dir will ich Dank bezeugen,

der herrlich mich gemacht,

und mich voll Staunen neigen,

vor deiner Werke Pracht.

Du, der mich pru?ft und kennt,

halt mich in deinem Segen,

leit mich auf deinen Wegen

bis an ein selig End. 

 

Zum Lob Gottes - Chorsätze zu Liedern aus dem Gotteslob

http://www.altenburger-saengerknaben.at/article.php?URL=6SysXdyuFWUcSivL15615MNYJ

 

 

 

 

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22168