Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

.Der Gottesgeist weht wie ein Wind,

er kommt auf Friedensflügeln.

Wie Atem, der lebendig macht,

weckt er die Unrast innen,

die manchmal Sturm zu werden wagt,

Gewalt und Bosheit laut verklagt.

Er kühlt als frische Brise

 

2.Und wie ein Feuer ist der Geist

Mit heißen Flammenarmen

Erstickt er, was dem Unrecht dient,

und glüht doch voll Erbarmen.

Ist Hoffnungsfunke, der noch blinkt,

ein Licht, das wartet, das uns winkt,

ein Glanz in Herz und Augen.

Ev. Gesangbuch Nr. 566  von Marijke Koijk-de Bruijne aus der Sammlung Evas Lied (1984) Niederlande 

Musik: Archiv SWR

Heute feiern die Christen Pfingsten. An diesem Tag haben die Jünger Jesu etwas erlebt, was sie völlig verändert und aus den gewohnten Bahnen gerissen hat:

In der Bibel heißt es dazu: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle Jünger am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg2,2-4)

Mich fasziniert diese Geschichte. Die Jünger waren verängstigt. Sie schlossen sich ein. Sie wussten nicht mehr, wie es weiter gehen sollte. Und da erfahren sie auf einmal eine ungeheure Kraft und Dynamik. Etwas Göttliches, das sie erfasst und in ihnen auf einmal ungeahnte Möglichkeiten weckt: 

In dem Lied , das ich Ihnen heute vorstellen will, geht es um diesen Geist Gottes und um das, was er in Menschen bewirken kann: Es steht übrigens im evangelischen Gesangbuch und im Eigenteil des Mainzer Gotteslobes.

1Der Gottesgeist weht wie ein Wind, er kommt auf Friedensflügeln.

Wie Atem, der lebendig macht, weckt er die Unrast innen,

die manchmal Sturm zu werden wagt, Gewalt und Bosheit laut verklagt.

Er kühlt als frische Brise.

„Der Gottesgeist weht wie ein Wind“….Winde kann man nicht sehen oder anfassen, doch sie können ungeheure Kräfte entwickeln. Sie bestimmen das Wetter. Und ohne die Winde und die Atmosphäre gäbe es auf unserem Planeten kein Leben.  So ist es auch mit Gottes Geist. Alles Leben kommt aus ihm. Er ist die Urkraft des Lebendigen. Den Heiligen Geist kann man nicht messen oder beweisen, und doch kann man eine Ahnung von seiner Wirkmacht bekommen.

Leben ist ein komplexes Geflecht von Beziehungen. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn ich für einen kurzen Moment innehalte und einfach nur ausatme- und den Atem wieder einströmen lasse, dann bekomme ich eine Ahnung davon, dass auch ich mit dem großen Lebensstrom verbunden bin. In jedem Moment. Leben heißt, in Beziehung zu sein. Das gilt für unsere materielle, körperliche Existenz. Es hat jedoch auch eine seelische Dimension. Der Heilige Geist verbindet die Menschen untereinander und mit Gott. Er atmet in uns, wenn wir einander wohl wollen und vertrauen und jeder sein Lebensrecht bekommt. Dann schenkt er uns Lebendigkeit und Freude. 

Aber oft genug  erfahren wir im Gegenteil Ausgrenzung und Misstrauen,  Angst und Ungerechtigkeit. Jeder ist nur noch selbst der Nächste  und in der Folge davon wird das Leben immer enger und reduzierter.  Der Heilige Geist scheint keine Wirkmacht mehr zu haben.  Doch gerade in solchen Zeiten werden manche Menschen vom Gottesgeist  regelrecht gepackt. Sie können sich nicht damit abfinden, dass die Welt eben voller Ungerechtigkeit und Hass ist. Sie können von ihren Visionen und Utopien einer besseren Welt nicht lassen, auch wenn es ihnen Nachteile bringt. Sie spüren in sich eine Unrast, die zu einem Sturm werden kann. So verstehe ich das , was an Pfingsten geschehen ist.

Wenn Menschen sich vom Gottesgeist ergreifen lassen, dann kommt ein Potenzial ins Spiel, das  den Lauf der Geschichte verändern kann. Das galt nicht nur damals an Pfingsten vor 2000 Jahren. Christen feiern jedes Jahr Pfingsten, weil sie darauf vertrauen, dass der Gottesgeist immer noch lebendig ist. Gerade dann, wenn die Probleme unlösbar erscheinen. Angesichts der weltweiten Flüchtlingsströme, des Klimawandels, und der fundamentalistischen Ideologien,  möchte man sich am liebsten abschotten und die Mauern hochziehen, um seine kleine Welt zu sichern. Aber der Gottesgeist will keine Sicherheit. Und schon gar keine Besitzstandswahrung. Er treibt uns an, nach Lösungen zu suchen, die allen Lebenschancen ermöglichen. Nicht nur den Privilegierten.

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