Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Jesus Christus herrscht als König. An vielen Orten ist dieses Lied bei den Gottesdiensten am Himmelfahrtstag letzte Woche wieder erklungen – in Kirchen oder auch unter freiem Himmel, gerne mit festlicher Posaunenbegleitung.

Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig! Ein Liedtext und eine Melodie, die wie eine Demonstration der Macht wirken.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesem Lied geht. Für mich ist es nicht leicht in Einklang zu bringen mit meiner Vorstellung von Jesus. Er hat doch einfach gelebt, an der Seite der Ohnmächtigen. Hat das Dienen dem Herrschen vorgezogen.

Alles legt ihm Gott zu Fuß – da kommen mir Erinnerungen an dunkle Kapitel der Kirchengeschichte, an Kreuzzüge und Kolonialismus, als Christen gemeint haben, im Namen Jesu andere beherrschen oder unterdrücken zu dürfen.

Aber ich glaube: Eigentlich hat das Lied eine andere Botschaft. Der Text, den Philipp Friedrich Hiller im 18. Jahrhundert gedichtet hat, und auch die Bibelstellen, die er zitiert, wollen etwas anderes sagen. Es geht nicht darum, dass sich die mächtig fühlen können, die sich auf Jesus berufen. Im Gegenteil: Es geht darum, dass Jesus allein die Macht hat – und damit alle Macht, die Menschen übereinander ausüben, begrenzt ist.

Fürstentümer und Gewalten, so heißt es in der zweiten Strophe, geben ihm die Herrlichkeit, alle Herrschaft … ist zu seinem Dienst bereit. Wenn man das auf Hintergrund der absoluten Monarchien des 18. Jahrhunderts hört, als Herrscher sich in ihrer uneingeschränkten Macht sonnten, dann hat das Lied eher etwas Subversives.

Und wenn danach es in der dritten Strophe heißt, dass Jesu Herrschaft unauflöslich, sein Reich ewig ist, dann ist auch das eine Botschaft an alle weltlichen Machthaber: Nur Jesu Stuhl ist unumstößlich – alle anderen können fallen.

Jesus Christus herrscht als König. Noch etwas Zweites ist mir dabei wichtig: Der Herrscher, der da gefeiert wird, ist ja derselbe wie der Mann aus Nazareth, der sich gerade den Schwachen und Hilfsbedürftigen zugewandt hat. In den weiteren Strophen des Liedes wird das deutlich:

Auch der himmlische Jesus ist eben kein abgehobener Herrscher, sondern einer, zu dem jeder und jede einzelne mit seinen und ihren Sorgen kommen kann:

Wer diesem Jesus und seiner Macht vertraut, der braucht sich nicht mehr selbst absichern, indem er andere klein hält  und beherrscht. Wenn ich das Lied so verstehe, dann kann auch ich gut darin einstimmen – spätestens wieder nächstes Jahr an Himmelfahrt.

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