Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Magnificat“ – so nennt man den Lobgesang, den Maria am Beginn des Lukasevangeliums singt. Maria hat gerade vom Engel Gabriel erfahren, dass sie Gottes Sohn gebären wird. Darauf beschließt sie, ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen. Dort - in einer Hütte im Bergland von Judäa - lässt sie zur Begrüßung das Magnificat ertönen. Magnificat deshalb, weil es in der lateinischen Übersetzung mit den Worten beginnt: „Magnificat anima mea Dominum - Meine Seele preist den Herrn“. Noch heute wird das Magnificat jeden Tag im Stundengebet der Kirche, vor allem von Nonnen und Mönchen gesungen.

(CD-Einspielung I
Darüber den Text des Magnificats:)

Der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.  

Diesen Text muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, er erhöht die Niedrigen, er beschenkt die Armen und lässt die Reichen leer ausgehen. Dietrich Bonhoeffer hat über das Magnificat gesagt: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Lied, das je gesungen wurde.“ 

Martin Schraufstetter hat das Magnificat modern vertont. Bei ihm trägt es den Titel „Groß sein lässt meine Seele den Herrn“. In dieser Fassung klingt es weniger nach Gregorianik oder Kloster. Es hat schon fast einen Hauch von Revoluzzer-Song.  

(CD-Einspielung II
Groß sein lässt, etwas Vorspiel , Ref., 3. Strophe) 
 

Heute beginnt katholischerseits der Marienmonat Mai. Maria wird in vielen Orten mit Prozessionen und Andachten verehrt. Dabei wird sie meist prächtig dargestellt, in Gold und Seide - eine echte Himmelsprinzessin. Aber eigentlich hat Marias Leben wenig mit Gold und Seide zu tun. Sie ist ein jüdisches Mädchen aus einem Bergdorf in Palästina. Wahrscheinlich schwielige Hände vom Wasserholen und Brotbacken. Vielleicht muss sie ihrem Geliebten Josef in der Schreinerei helfen. Auf jeden Fall aber wird über sie getuschelt, denn sie ist schwanger und noch nicht einmal verheiratet.  

(CD-Einspielung III
Groß sein lässt, 4. Strophe) 
 

Dietrich Bonhoeffer sagt treffend: „Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht.“ 

Ich finde, dieses Magnificat passt ganz gut zum heutigen 1. Mai, dem Maifeiertag. Er stammt ja aus der Arbeiterbewegung. Und auch heute noch wird demonstriert für die Grundrechte der Arbeiter und bessere Bedingungen. Das wäre bestimmt auch das Anliegen von Maria gewesen. Und das passt besser zu ihr als all die Bilder einer Frau in Gold und Seide, einer demütigen „Magd des Herrn“, die klein beigibt und sich still im Hintergrund hält. Nein! Maria, das ist auch die Arbeiterin, die unangepasste Mutter, und ein bisschen auch Rebellin.

 

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