Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 GL 456

Herr, du bist mein Leben, Herr du bist mein Weg.
Du bist meine Wahrheit, die mich leben lässt.
Du rufst mich beim Namen, sprichst zu mir dein Wort.
Und ich gehe deinen Weg, du Herr gibst mir den Sinn.
Mit dir hab ich keine Angst, gibst du mir die Hand.
Und so bitt ich, bleib doch bei mir.

Ais der CD: Chormusik zum Gotteslob
Münchner Dommusik (mit Orgelvorspiel)
C 03989 Carus 2.160/99

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich dieses Lied zum ersten Mal gehört habe. Es war in Assisi in der Kirche San Damiano beim Abendgebet. Ich war dort mit einer Gruppe von jungen Leuten, um  Franziskus näher zu kommen. Dieser Heilige zog uns in seinen Bann. Zuerst ein verwöhnter junger Mann, der sein Leben in vollen Zügen genießt. Und dann seine tiefe Lebenskrise. Bei einem Scharmützel mit der Nachbarstadt gerät Franziskus in Gefangenschaft und wird dort schwer krank, Zwar kommt er wieder frei, aber die rauschende Feste lassen ihn jetzt kalt, seit er selbst hautnah Krankheit und Not erfahren hat. Franziskus sucht für sein Leben eine neue Richtung. Dabei zieht er sich häufig in diese kleine Kirche San Damiano zurück, die schon halb verfallen ist. Er sucht den Kontakt zu Jesus, betet mit ganzer Hingabe vor dem Kreuz, und auf einmal hört er, wie von dem Kreuz eine Stimme zu ihm spricht:

 „Franziskus, geh und bau mein Haus wieder auf, .“

Er weiß, es ist Jesus Christus selbst, der da zu ihm spricht. Der ihn ruft. Und Franziskus lässt sich auf diesen Ruf ein. Erst ganz konkret mit seinen Händen, indem er  die halb verfallene Kirche renoviert, und dann mit seinem ganzen Leben. Er hat gespürt: Ganz  so wie Jesus zu leben, ihm radikal nachzufolgen, das ist der sein Weg. Dabei hat er die Menschen so von Gott fasziniert, dass sich ihm bald andere angeschlossen haben, Männer und auch Frauen. Es entstand eineLebensgemeinschaft, die nicht auf Hierarchie und Gehorsam gründete wie es damals in der Kirche üblich war, sondern im brüderlichen Dienst. So ist wieder zum Vorschein gekommen, wie Jesus seine Kirche eigentlich haben wollte: geschwisterlich miteinander zu leben und  für die Menschen da zu sein.

Ich habe das Lied auf italienisch kennengelernt  „Tu sei la mia vita, altro io no ho.Tu sei la mia strada, la mia verità“. Wir haben es damals mit voller Hingabe gesungen, weil es zu Franziskus passte wie kein zweites. Und immer mehr wurde es auch zu unserem eigenen Lied.

Herr, du bist mein Leben, Herr du bist mein Weg.
Du bist meine Wahrheit, die mich leben lässt.
Du rufst mich beim Namen, sprichst zu mir dein Wort.
Und ich gehe deinen Weg, du Herr gibst mir den Sinn.
Mit dir hab ich keine Angst, gibst du mir die Hand.
Und so bitt ich, bleib doch bei mir.

In Italien ist das Lied viel populärer als bei uns., Pater Pierangelo Sequeri hat es 1977 komponiert. Er nannte es „Symbolum 77“. Symbolum  bedeutet Glaubensbekenntnis und 77 bezieht sich auf das Entstehungsjahr. Im Gottesdienst wird das apostolische Glaubensbekenntnis von den Gläubigen gesprochen. Es ist eine kompakte Zusammenfassung des christlichen Glaubens, dessen Form durch die Jahrhunderte festgelegt wurde. Im Glaubensbekenntnis steckt große Theologie, aber manchmal fällt es nicht so leicht, sich mit seinem Glauben darin wiederzufinden.

Die erste Strophe im Lied von Pater Sequeri ist dagegen ganz  persönlich formuliert. Es nimmt Bezug auf die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14) und es ist gleichzeitig wie eine Antwort darauf. „Herr, du bist mein Leben, Herr du bist mein Weg.“ 

Zu glauben heißt nicht an erster Stelle, den großen dogmatischen Lehrsätzen zuzustimmen. Glauben heißt, zu Jesus „Du“ zu sagen. Mit ihm in Beziehung zu sein. Seine Nähe zu spüren. Dazu lädt das Lied ein. 

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