Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(Kanon)

 An den vielen kleinen und großen Feiern im Advent, an Weihnachten oder an Silvester, da habe ich wieder beobachtet, wie das ist, wenn sich viele Menschen treffen. Sie reden miteinander, lachen, erzählen sich Geschichten. Es geht drunter und drüber an so einer Festtagstafel. Ein wunderbares Bild kann sich da zeigen: Menschen sind verschieden, haben ihren eigenen Text, ihre eigene Stimmlage, reden über ganz unterschiedliche Dinge. Und doch klingt das im besten Fall harmonisch. Es klingt nach Verständigung, nach Nähe. Nach Gemeinschaft. In aller Verschiedenheit.

Genau das Gleiche lässt sich erleben, wenn Menschen einen Kanon singen. Jeder singt etwas anderes, eine andere Melodie und einen anderen Text – und trotzdem klingt es zusammen. Wie beim Heilig-Kanon.

Heilig, heilig, heilig / Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. / Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit. / Hosanna in der Höhe. / Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe.

Schon Kinder singen im Kanon: Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch oder Der Hahn ist tot oder zum Geburtstag Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen. Mit dem Begriff »Kanon« wird ein mehrstimmiges Lied bezeichnet, bei dem eine Stimme nach der anderen einsetzt. Jede folgende Stimme kopiert das, was vor ihr gesungen wird. Genau diesem Prinzip folgt auch der Komponist Hans Florenz mit seinem Heilig-Kanon. Und er tritt damit in die Fußstapfen großer Musiker wie Bach, Mozart oder Haydn, die allesamt Kanons komponierten.

Florenz wählt allerdings eine ungewöhnliche Kanonform. Sein Werk ist fünfstimmig, das kommt selten vor. Und sein Lied wechselt zwischen Moll- und Dur-Tonarten hin- und her. Dadurch bekommt der Kanon einen schwebenden Charakter.

Heilig, heilig, heilig / Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. / Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit. / Hosanna in der Höhe. / Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe.

Dieser schwebende Charakter passt zum Text. Der dreifache Ruf »Heilig, heilig, heilig“ stammt aus einer Vision des Propheten Jesaja. Der sieht Gott wie einen König auf einem Thron sitzen und darüber schweben Engel, die singen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt.“(Jes 6,3)

Wenn im Gottesdienst alle das »Heilig«, das »Sanctus«, wie es Lateinisch heißt, singen, dann stimmen sie in diesen Gesang der Engel ein. Der Kanon symbolisiert dabei auf großartige Weise: Jeder darf sich mit seiner eigenen Stimme, mit seiner Geschichte und seinen Erfahrungen in diesen Gesang einbringen. Gerade deswegen kann dieses »Heilig« dann himmlisch klingen. Wie wenn bei einem Fest alle durcheinanderreden und sich daraus ein einziger großer Gesang erhebt: ein Gesang, der davon erzählt, dass alle Menschen zusammengehören – in Gott.

Heilig, heilig, heilig / Gott, Herr aller Mächte und Gewalten. / Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit. / Hosanna in der Höhe. / Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. / Hosanna in der Höhe.

 

Heilig (Kanon)

Text: Liturgie

Musik: Hans Florenz 1980

© Dehm-Verlag, Limburg

 

Aufnahme

Ezechiel (Chor und Band), Köln. Leitung: Hans Florenz

In: »… dass Zukunft überlebe. Hans Florenz«

LC 4679 / CD1074 / Track 10 (2:27)

Chor Karlsruhe (Infos über Bettina Winkler)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21151