Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Kann man einem Lied unrecht tun? Ja man kann. Ich gestehe, ich habe „Stille Nacht“ lange gemieden, es im Gottesdienst kaum singen lassen. Es war für mich der Ausdruck von süßlicher „Weih-Nacht“. Ganz anders als die Umstände der Nacht, unter denen Jesus zur Welt gekommen ist.

Ich habe mich lange dem Urteil angeschlossen, das in einem Standardwerk über deutsche Kirchenlieder zu „Stille Nacht“ steht. Da heißt es:

„Das Lied gilt als Paradebeispiel für Kitsch, ..mit seinem weihevoll wiegenden 6/8 Takt, … und seinem holden Knaben im lockigen Haar.“

Aber dann habe ich das Lied neu entdeckt.

 

Musik 1 Stille Nacht Str 1


Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar
Holder Knab’ im lockigten Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

 

Zugegeben: Die erste Strophe besingt ein Idyll, das mit der biblischen Geburtserzählung wenig zu tun hat. Vor genau 199 Jahren hat Joseph Mohr, ein Hilfspriester im Salzburger Land, sie geschrieben. Die Menschen seiner Gemeinde waren bitterarm. Er auch. Die „himmlische Ruhe“ besingt eine Utopie, einen Sehnsuchts-Ort. Der dennoch manchmal real wird, auch für arme Menschen, wenn unverhofft Glück im Leben aufleuchtet. Joseph Mohr macht diese Erfahrung stark, gegen das harte Leben.

Die beiden Strophen, die uns von noch „Stille Nacht“ vertraut sind, sind zwar näher an der Botschaft der Bibel. Klingen aber auch eher romantisch. Das liegt aber vor allem daran, dass man 3 weitere Strophen, die das Lied ursprünglich hatte, im Lauf der Zeit vergessen oder weggelassen hat.

 

 

Musik 2 Stille Nacht Strophe 3

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt
!

 

 

Joseph Mohr war geprägt von der Aufklärung. In der 4. Strophe spürt man das besonders. Da wird sein Text weltlicher, konkreter. Die Weihnachtsengel haben Frieden auf Erden versprochen. Und das Lied zeigt, was dies in der Gegenwart heißt: Jesus ist der Bruder aller Menschen geworden und hat damit die Völker zu Brüdern gemacht.

 

Musik 3 Strophe 4 

„Stille Nacht, wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss, und Jesus als Bruder huldvoll umschloss, die Völker der Welt.“

„Stille Nacht! Heilige Nacht! /
Wo sich heut alle Macht /
Väterlicher Liebe ergoss, /
und als Bruder huldvoll umschloss /
Jesus die Völker der Welt! /
Jesus die Völker der Welt!“

 

Es stimmt, das ist eine Utopie: Wir sind weit entfernt davon, auf der Erde geschwisterlich zu leben. Wenn ich das Lied singe, spüre ich schmerzlich wie der Friede fehlt. Aber es lässt mich noch mehr auf Frieden hoffen. Darauf dass Frieden möglich ist. Jesus hat gezeigt, wie. (fade in) Ich singe „Stille Nacht“ wieder gern. Ganz, mit allen Strophen.

 

 

Musik 4 Stille Nacht Strophe 5


Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß

 

 

 

 

Musik: „Stille Nacht“ Track 21 aus CD „O Heiland reiß die Himmel auf. Vergessene Strophen der Weihnacht“
Athesinus Consort  edition chrismon LC 16005

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