Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Heute ist Volkstrauertag in Deutschland. Und ich habe für diesen Tag, an dem der Toten der Weltkriege gedacht wird, ein trauriges Lied gewählt: Näher, mein Gott, zu dir. Mit  den Anschlägen in Paris am Freitag Abend bekommt dieser Volkstrauertag eine furchtbare Aktualität. Der Krieg in Syrien und dem Irak, der für uns so lange so weit weg war, ist in Europa angekommen. Bei den vielen Unschuldigen, die wahllos niedergemetzelt wurden. Und auch bei uns in Deutschland, wo jetzt die Angst umgeht, so etwas könnte hier auch passieren. Und bei den vielen Flüchtlingen, die weggerannt sind aus ihrer Heimat, weil sie hier sicher sein wollen. Jetzt holt sie ihre Vergangenheit auf schreckliche Weise ein. Und ich befürchte: Es wird unter uns welche geben, die sie mit den Terroristen in einen Topf werfen. Ich höre jetzt schon die Stimmen, die pauschal „die“ Muslime dafür verantwortlich machen und Allah, ihren Gott. Dabei ist es doch immer der EINE gleiche, der friedliebende, den die ganze Menschheit anruft. Heute mit einem Schrei um Hilfe. Wie er sich im Lied ausdrückt: Näher, mein Gott, zu dir.

Näher mein Gott zu dir,

Näher zu dir!

Drückt mich auch Kummer hier,

Drohet man mir,

Soll doch trotz Kreuz und Pein,

Dies meine Losung sein:

Näher, mein Gott, zu dir,

näher zu dir!

Im englischsprachigen Raum ist das Lied einer der beliebtesten Begräbnisgesänge. Der ursprüngliche Text stammt von der englischen Dichterin Sarah Flower Adams aus dem Jahr 1841. Den spätromantischen Stil merkt man jeder Strophe ihres Gedichts an. Die Bilder, die Adams wählt, wollen die Gefühle anregen. Ihre Worte haben einen weihevollen Ton, der schon damals als schwülstig galt. Und nichts kann ich angesichts der Ereignisse in Paris jetzt weniger brauchen als falsches Pathos. Trotzdem berührt mich das Lied. Ich vermute, das hat hauptsächlich mit seiner Melodie zu tun. Sie erzeugt bei mir eine Stimmung, die traurig ist und gleichzeitig voller Hoffnung: Komme, was da wolle – Gott lässt mich nicht fallen. Deshalb ist es gut, bei ihm zu sein, in seiner Nähe. Gerade wenn Menschen so etwas Schlimmes getan haben wie am Freitag in Paris. Gerade da will ich Gott nicht verlieren. Und ich wehre mich mit aller Macht, dass Fanatiker ihn missbrauchen. Er ist und bleibt das letzte Ziel.

 Streichquartett

 Heute ist ein sehr trauriger Tag. Ich nehme fassungslos zur Kenntnis, dass es Menschen gibt, die alles über Bord werfen, was noch irgendwie menschlich genannt werden könnte. Wie verblendet muss so jemand sein! Wie viel Hass hat er in sich! Ich fühle mich dem gegenüber erschreckend machtlos. Ich weiß aber auch, dass ich auf keinen Fall Gleiches mit Gleichem vergelten will. Ich muss das schützen, was menschlich ist in mir, was Gott so gut gemacht hat. Auch davon spricht die schöne Melodie des Lieds für diesen Sonntag. Sie ist freundlich, beinahe zärtlich. Und das tut bei aller Trauer gut.

 

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