Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Es ist normal, verschieden zu sein! In der Theorie ist das eine Binsenweisheit. Praktisch kann es, so finde ich, durchaus eine Herausforderung sein. Oft ist es einfacher, mit Leuten klar zu kommen, die einem ähnlich sind. Wer in seinem Leben ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich und eine vergleichbare Schulbildung hatte, mit dem fällt mir der Kontakt meist leichter. Wer dieselbe Sprache spricht und ähnliche politische Ansichten hat, mit dem verstehe ich mich oft schneller. In einer Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, merke ich das besonders.
Für manche ist die Kirchengemeinde ein Raum, wo sie Menschen suchen, die ihnen ähnlich sind. Andere erwarten allgemein von der Kirche, dass sie für eine gewisse Einheitlichkeit in der Gesellschaft eintritt. Aber passt dieses Anliegen überhaupt zum christlichen Glauben?

Ein Kirchenlied aus Schweden, das vor etwa 40 Jahren entstanden ist, hat diese Frage zum Thema. Der Theologe Dieter Trautwein hat den Text ins Deutsche übersetzt:

Strahlen brechen viele aus einem Licht.
Unser Licht heißt Christus.
Stahlen brechen viele aus einem Licht – und wir sind eins durch ihn.

Zweige wachsen viele aus einem Stamm.
Unser Stamm heißt Christus.
Zweige wachsen viele aus einem Stamm – und wir sind eins durch ihn.

Ein Licht, viele Strahlen – ein Stamm, viele Zweige. Ein Blick zurück in die Anfänge des Christentums zeigt: Die Gemeinschaft von Christen war nie ein Rückzugsort, an dem man in Ruhe unter „Seinesgleichen“ sein konnte. Im Gegenteil: Das Christentum blühte da besonders schnell auf, wo die Gesellschaft besonders bunt und uneinheitlich war – in den Hafen- und Großstädten des Römischen Weltreiches, in Korinth, Ephesus, Rom. Und die jungen Gemeinden dort waren ein Abbild dieser Gesellschaft: Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete, Sklaven und Freie trafen sich da – oft aus unterschiedlichen Kulturen und mit verschieden Muttersprachen. Ihre Gemeinschaft war so auch alles andere selbstverständlich, Konflikte blieben nicht aus. Die Briefe des Apostel Paulus, die in der Bibel überliefert sind, zeugen davon. Das Lied zitiert seinen Brief an die Gemeinde in Korinth:

Glieder sind es viele, doch nur ein Leib.
Wir sind Glieder Christi.
Glieder sind es viele, doch nur ein Leib – und wir sind eins durch ihn.

Für mich ist es das, was den christlichen Glauben so besonders macht: Äußerlich sind die Christen vielleicht so unterschiedlich wie verschiedene Körperteile, haben nicht mehr gemeinsam als die Nase mit dem Fuß. In einer christlichen Gemeinde, wie ich sie mir wünsche, treffen sich auch heute Menschen aus unterschiedlichen Milieus, Kulturen und Generationen. Auch wenn es dann Diskussionen gibt um Bach oder Band im Gottesdienst, um Wurst oder vegan auf dem Gemeindefest. Aber ich glaube, das Miteinander kann trotzdem gelingen: Weil es auf einer anderen, tieferen Ebene eine Verbindung gibt. Weil ich glaube, dass wir in gleicher Weise von Gott geliebt sind – und weil ich deshalb den anderen in neuem Licht sehe.
Auf dieser Grundlage ist es möglich, dass jeder und jede mit seinen und ihren  – völlig unterschiedlichen – Fähigkeiten und Erfahrungen die anderen bereichert. Auch davon erzählt das Lied:

Gaben gibt es viele, Liebe vereint.
Liebe schenkt uns Christus.
Gaben gibt es viele, Liebe vereint – und wir sind eins durch ihn.

Dienste leben viele aus einem Geist,
Geist von Jesus Christus.
Dienste leben viele aus einem Geist – und wir sind eins durch ihn.

Diese Liebe, diesen Geist zu spüren, das macht mir Mut, mich auf Menschen einzulassen, die mir fremd sind – und die Anstrengung zu unternehmen, sie zu verstehen. Im besten Falle mache ich dann die gute Erfahrung: Wir bleiben unterschiedlich – denn es ist normal, verschieden zu sein. Aber wir fühlen uns trotzdem miteinander verbunden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20822