Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Für die Fehler, Schwächen und Schuld der anderen Worte zu finden. Das ist zumeist einfach. Da versagt die Sprache selten. Ganz anders geht es mir, wenn ich eigenes Versagen oder Schuld zugeben soll. Ich möchte meine Seele erleichtern, aber ich bekomme kein Wort heraus.
Aus Scham: So möchte ich mich selbst nicht sehen müssen.
Aus Furcht: Wie geht der andere damit um, wenn ich ihm die Wahrheit sage?
Die Psalmen der Bibel können helfen Worte zu finden, um mit sich selbst und Gott ins Reine zu kommen. Martin Luther hat aus Psalm 130 ein Lied gemacht. Und auch die Melodie zu „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ stammt wohl von ihm.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir
und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?

„Aus tiefer Not ruf ich zu Dir“: Ich ahne, wovon hier gesungen wird:
Ich wäre gern ein großes, makelloses „Ich“, aber inzwischen weiß ich, vieles bleibt Bruchstück im Leben. Manchmal beschämt es mich, wie ohnmächtig ich bin angesichts von Leid und Unrecht. Ich habe mehr Fehler und Grenzen als ich erträumt hatte. Und bin sicher auch hinter eigenen Möglichkeiten geblieben.
Luthers Lied ermutigt dazu, sich ehrlich wahrzunehmen. Und daran nicht zu verzweifeln. Sondern zu vertrauen, dass Sie und ich trotzdem unbedingt geliebt sind. Von Gott. Es ermutigt, nicht aus uns selbst zu leben, sondern aus dieser Liebe, sie sich gefallen zu lasen.

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben;
es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.
Vor dir niemand sich rühmen kann;
des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.

„Niemand kann sich vor Gott rühmen“. Das heißt nicht: Ein Christ muss dauernd schamgebeugt den Kopf senken. Diese Einsicht lädt mich vielmehr ein, lebe uneitel aufrecht.
Das könnte dann auch in die menschlichen Beziehungen ausstrahlen. Wenn ich mich nicht länger fürchte, einzugestehen, wo ich mich verfehle. Und es ehrlich sage.

Darum auf Gott will hoffen ich,
auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort.
Das ist mein Trost und treuer Hort;
des will ich allzeit harren.

Luther weiß aus Erfahrung: Aus Schuld oder seelischer Verkrümmung heraus, das kann ein langer Weg sein. Aber in der 4. Strophe spürt man das Vertrauen: Es geht ein Weg ins Freie.
Und wenn ich diesen Weg gehe, gewinne ich dadurch auch Kraft, anderen beizustehen, die leiden. Ich muss die Welt ja nicht allein retten. (fade in) Aber ich kann Gott dabei helfen.

Und ob es währt bis in die Nacht und wieder an den Morgen,
doch soll mein Herz an Gottes Macht verzweifeln nicht noch sorgen.
So tu Israel rechter Art - der aus dem Geist geboren ward -
und seines Gottes harre.

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Musiken 1 und 3  „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ track 4 aus CD Soli Deo Gloria: Musik zu Luther-Texten   LC 3722
Musiken 2 und 4  „Aus tiefer Not“ track 3 aus CD Reinhard Börner;
Luther. Choräle auf 6 Saiten.   LC 6860

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