Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Der Bestatter und Trauerbegleiter Fritz Roth hat vor einigen Jahren ein Experiment gestartet. Er hat 100 Menschen gefragt: „Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie sterben müssten?“ Dazu hat er 100 Koffer gekauft und die Befragten gebeten, sich symbolisch etwas für ihre „letzte Reise“ einzupacken. 

CD „A Tribute to Paul Gerhardt“ von Dieter Falk (Instrumental), track 11 

Inzwischen ist Fritz Roth verstorben, aber das Ergebnis seines Experimentes ist immer wieder in Ausstellungen zu sehen. Da stehen 100 geöffnete Koffer mit ganz unterschiedlichem Inhalt. Ich habe sie mir in Offenburg angeschaut. Ab 1. November kann man die Ausstellung in Bad Neuenahr und im kommenden Frühjahr in Ettlingen besuchen.  

Das heutige „Lied zum Sonntag“ passt inhaltlich gut zu dieser Ausstellung. Es ist von Paul Gerhard – eines seiner weniger bekannten Lieder - und heißt „Ich bin ein Gast auf Erden“. Paul Gerhardt hat es auf die Melodie des Passionsliedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ getextet. 

Er hat das Lied geschrieben, als er ungefähr 60 Jahre alt war. Vielleicht hat er darin sein schweres Leben verarbeitet: Nur eines von fünf Kindern hat ihn überlebt und er hat den 30jährigen Krieg in seiner vollen Länge miterlebt. In der zweiten Strophe dichtet er: „Solang ich denken kann, hab ich so manchen Morgen, so manche liebe Nacht mit Kummer und mit Sorgen des Herzens zugebracht.“  

Paul Gerhardt war überzeugt davon – und das hat ihn auch getröstet, dass sich jeder irgendwie durchs Leben ringen muss. Es ist kein Spaziergang. Aber es geht leichter, wenn man das irdische Leben nur als Durchgangsstation ansieht. Wenn man sich wie ein Gast auf Erden fühlt. Und die eigentliche Heimat – die ist im Himmel. Dies wird in der 6. Strophe besonders deutlich.

 CD „Gast auf Erden“ von Sarah Kaiser, track 10  

Hören Sie eine Fassung der deutschen Soul- und Jazzsängerin Sarah Kaiser.  

Gast auf Erden zu sein – diese Haltung hat Paul Gerhard durchs Leben geholfen. Und eigentlich ist doch jeder Mensch ein „Gast auf Erden“. Wenn mir das bewusst ist, vielleicht wirkt sich das auf mein Leben aus. Wie gehe ich mit dem mir anvertrauten „Gästezimmer“ um? Wie mit den anderen Gästen? Was nehme ich mit von meiner Reise und was lasse ich zurück? 

Diese Fragen haben wohl auch die Menschen umgetrieben, die beim Koffer-Experiment von Fritz Roth mitgemacht haben. Einige haben die Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme genutzt. Ein Metzgermeister hat in seinen Koffer nur ein paar Zettel gelegt: Auf einem steht „Entschuldigung“. Das soll sich an all die geschlachteten Tiere richten. Ein Künstler hat zwölf sauber verpackte Äpfel in den Koffer gelegt. Er sagt: „Sie sollen mich an das verlorene Paradies erinnern – und an das bevorstehende.“ 

Die Aktion scheint nicht spurlos an den Kofferpackern vorbei gegangen zu sein. Viele haben sich beim Packen wohl mit ihrem Leben und dessen Endlichkeit beschäftigt: Ich bin ein Gast auf Erden, aber meine Heimat wartet noch auf mich. 

Für mich hat ein Kofferpacker diese Hoffnung am besten ausgedrückt. Er hat seinen Koffer völlig leer gelassen. Daneben hat er geschrieben: „Ich hoffe, im Himmel als jemand aufgenommen zu werden, dem es an nichts fehlen wird.“  

 

 

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