Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

... hat uns den Anfang neu geschenkt
(Erntedank)  

Vierzehn Jahre war ich Pfarrer einer Stadtgemeinde. Ein Fest hat sich dort im Laufe der Zeit immer schwerer getan: Erntedank. Was war das für ein prächtiger Aufbau vor dem Altar, an den ich mich aus Kindertagen erinnere: Brot, Kürbisse, Trauben, Salat und viel mehr noch haben die Leute aus ihrem Garten oder Gütle in die Kirche gebracht. Und alles in Überfülle. In der Stadt sind’s zuletzt noch zwei Familien gewesen, die gebracht haben, was ihr Garten eben so hergab. Kurz ist sogar die Überlegung im Raum gestanden, ob wir Obst und Gemüse dazu kaufen sollen, damit es nach was aussieht. Aber das habe ich abgelehnt. Passt das Fest nicht mehr in unsere Zeit? Gibt es keinen Grund zu danken, weil es ohnehin immer alles gibt?

(Strophe 1)

Der Geist des Herrn hat uns den Anfang neu geschenkt,

in alles, was da wächst, den Atem eingesenkt.

Der Gottesgeist beseelt, die kalt sind und versteint;

Zerstörtes baut er auf, Zerstreutes wird geeint. 

Das Lied, über das ich an diesem Sonntag spreche, hat im neuen katholischen Gesangbuch die Nummer 863. Es steht im Eigenteil der Bistümer Rottenburg-Stuttgart und Freiburg und hier unter der Rubrik „Schöpfung“. Zum Erntedankfest heute gehört es nicht ausdrücklich. Aber je häufiger ich es angeschaut habe, desto besser habe ich verstanden, dass es in diesem Lied um einen ganz großen Dank geht. Um den Dank für all die Dinge, die im Laufe des Lebens entstehen, die ich nicht selbst produziere, sondern geschenkt bekomme. {Dass es mich gibt und neben mir so viele andere. Dass ich für andere etwas tun kann. Dass ich nach einem anstrengenden Tag am nächsten Morgen mit neuer Kraft wieder anfangen konnte.} Im Laufe der Zeit, von Wochen, Monaten, Jahren ist ganz schön viel zusammen gekommen, wofür ich dankbar bin. Da gehören die Ereignisse dazu, die ohne Zweifel schön waren, aber auch die, von denen ich erst viel später begriffen habe, dass sie für mich wichtig gewesen sind. Daran einmal im Jahr zu denken – wenn das nichts mit Erntedank zu tun hat! 

Der Geist des Herrn hat uns den Anfang neu geschenkt. Huub Oosterhuis hat dieses Lied geschrieben. Gott gehört für ihn bei allem dazu; das ist das Natürlichste von der Welt. Weil Gott alles gemacht hat, sorgt er sich auch darum, wie es weiter geht.

Oosterhuis spricht ganz offen von den Menschen, die kalt sind, wie versteinert, weil sie immer wieder schwer enttäuscht wurden. Er macht keinen Bogen darum, dass zwischen uns Menschen viel kaputt geht. Mir kommt es so vor, als will Oosterhuis da besonders ehrlich sein. Denn erst dann - wenn das klar ist - kann er so von Gott sprechen, dass man es ihm abnimmt, was er da sagt. Es ist ein breiter Ton der Hoffnung, der dieses Lied durchzieht. Da geht noch was. Ich kann nochmals beginnen. Ich bin noch nicht am Ende. Ich trage etwas von Gott in mir, das nicht zerstört werden kann. 

Wir sind in ihm getauft und Glut ist seine Huld.

Er spendet Hoffnung aus in Sehnsucht und Geduld.

Wer weiß, woher er kommt, wer sieht schon seinen Schein?

Er öffnet uns den Mund, lässt uns Geschwister sein. 

An diesem Sonntag danken wir für die Ernte des Jahres. Und wenn ich das Lied von Oosterhuis richtig verstehe gleichzeitig für die Ernte, die sich im Laufe unserer Lebens schon so angesammelt hat. Es könnte schön sein, die Erinnerungen daran, heute heraus zu kramen aus meinem Gedächtnis. Ich hoffe, dass auch Ihnen ein paar schöne Momente einfallen ... in denen einer Sie wie ein Bruder oder eine Schwester behandelt hat, ... wo Sie geduldig waren mit sich und anderen, ... oder wo Sie nicht vor dem Tod resaigniert haben. Das heutige Lied zum Sonntag erzählt mir von einem Gott, bei dem ich gut aufgehoben bin, weil er mir dazu Mut macht. Und für diese Heimat bin ich sehr dankbar.

Der Geist, der in uns wohnt, erhebt sein Fleh’n zu Gott,

dass er in seinem Sohn uns auferweckt vom Tod;

dass unser Leben nie zerbricht in Not und Hast,

komm, Schöpfergeist mach ganz, was du begonnen hast. 

 

Aufnahme

Kreidler, Johannes (Hg.), Ich will dich preisen Tag für Tag. Betrachtungen und Predigten zum neuen Gotteslob.

Begleit-CD mit Liedern.

ISBN 978-3-7966-1620-4

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20633