Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ein Birnbaum im Herbst, üppig behangen mit leuchtend gelben Früchten. Ein gütiger Herr im Havelland, der am Zaun steht und den vorbeikommenden Kindern großzügig eine Birne in die Hand drückt. Eine Freundlichkeit, die von Herzen kommt und noch über seinen Tod hinausreicht.
Denn auf dem Grab dieses freigebigen Mannes wächst wieder ein Birnbaum. Der versorgt die Kinder - so wie schon zu seinen Lebzeiten - mit prallen Früchten.
Mit dieser Szene beschreibt Theodor Fontane in seinem bekannten Gedicht die Fülle des Segens, der sich über Generationen hinweg erstreckt: „So spendet Segen noch immer die Hand des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“

Alles ist an Gottes Segen
und an seiner Gnad gelegen
über alles Geld und Gut.
Wer auf Gott sein Hoffnung setzet,
der behält ganz unverletzet
einen freien Heldenmut.

„Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut“, so heißt es im Choral, den wir eben gehört haben. Die Musik ist eine Komposition aus dem Choralbuch von Johann Sebastian Bach. Der Text stammt aus einer Nürnberger Liedsammlung um 1524.
Wie in Fontanes Gedicht, geht es auch in diesem Choral um den Segen. Segen als elementare Kraft, die sich in der freigebigen Hand eines Birnbaumbesitzers als genauso wirksam erweist wie in den reichen Gaben eines Menschenlebens.

Wer auf Gott sein Hoffnung setzet,
der behält ganz unverletzet
einen freien Heldenmut.

„Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.“
Segen, so sagt es der Text des Chorals, hat erkennbare Auswirkungen. Er bewirkt, was Geld und Gut nicht gewähren können. Wir würden heute vielleicht sagen: er schenkt Zuversicht. Eine heitere Gelassenheit.
Und wer meint, der christliche Glaube habe nichts zum Thema Glück und gelingendes Leben zu sagen, der wird in der zweiten Strophe dieses Liedes eines Besseren belehrt:

Der mich bisher hat ernähret
und mir manches Glück bescheret,
ist und bleibet ewig mein.
Der mich wunderbar geführet
und noch leitet und regieret,
wird forthin mein Helfer sein.

Ich finde, dass im Herbst die Zeit der Fülle und des Segens geradezu handgreiflich wird. Auch wenn in diesem heißen Sommer mancherorts die Sorge um die Ernte zu spüren war.
Herbstzeit ist Erntezeit. Wer einen Garten hat, erfreut sich jetzt an der Ernte von Äpfel und Birnen. Wer durch einen Park oder im Wald spazieren geht, erlebt das bunte Farbenspiel der Blätter. Für die Winzer beginnt die Zeit der Weinlese.
Und auch meine Gedanken gehen in diesen Tagen zurück mit der Frage: wie war das in diesem Sommer? Was gab es an Begegnungen? An erfüllenden Dingen, die weiter wirken?
Wo ist mein Leben beschenkt worden mit einem Segen ähnlich dem, den Fontane in seinem Gedicht vom vollen Birnbaum und dem gütigen Herrn im Havelland ausmalt?

Musiken aus:
Ein Choralbuch für Joh Sebastian Bach Hänssler Verlag 2004
CD 1 MM 4093-2   EAN 8 590646 419523
Track 23 „Alles ist an Gottes Segen“ 
 

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