Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Johann Friedrich Räder ist eine Ausnahmeerscheinung im Gesangbuch. Im Gegensatz zu anderen Liederdichtern war er weder Pfarrer noch Lehrer oder Kirchenmusiker - er war Kaufmann. Allerdings ein Kaufmann mit großem musikalischen Interesse, er wird als feiner und gediegener Musikkenner gerühmt, der viele Lieder gesetzt hat. Berühmt geworden ist er allerdings mit dem einzigen Lied, dessen Text er geschrieben hat. Schon kurz nach dem ersten Druck 1847 wurde es bekannt, verbreitete sich in evangelischen Kreisen und entwickelte sich, auch dank der einprägsam schmeichelnden Melodie von César Malan, zum kirchlichen Volkslied. Harre meine Seele!

Sei unverzagt, bald der Morgen tagt - diese Worte sind Johann Friedrich Räder aus dem Herzen in die Feder geflossen. Der junge Kaufmann dichtete sie in einer schlaflosen Nacht des Jahres 1845. Räder, gerade erst 30 Jahre alt, hatte sich auf ein riskantes Waren-Geschäft eingelassen und ihm drohte der Geschäftsverlust. Er hatte sein ganzes Kapital in westindischen Indigo investiert. Diesen Farbstoff brauchte man in den Färbereien in Wuppertal. Allerdings war der Transport unsicher, dazu schwankten die Preise. Es war ein Warentermingeschäft des frühen industriellen Zeitalters. Mit katastrophalen Folgen für alle, die sich verspekuliert hatten.

Der junge Kaufmann muss eine fromme Seele gewesen sein. Vielleicht hat ihn aber auch die Verzweiflung beten gelehrt. Jedenfalls wurde es ihm leichter zumute, nachdem er sich in dieser schweren Nacht des Jahres 1845 den Kummer betend vom Herzen geschrieben hatte. Räder schöpfte Hoffnung. Sicher hat er dies als Gottesgeschenk verstanden, auch, dass ihm schließlich geholfen und ihm seine Spekulation als Kaufmann nicht negativ angerechnet wurde. Immerhin war er bis zum Ende seiner Berufstätigkeit in Vertrauenspositionen als Kassierer und Korrespondent in größeren Fabrikgeschäften angestellt. Möglicherweise haben die Fabrikanten auch gewusst:

Dieser Mann weiß, wie leicht man sich verspekulieren kann, der setzt jetzt auf sichere Werte.
Sein Lied, das Johann Friedrich Räder in einer dunklen Nacht gedichtet hat, ist nun seit 170 Jahren für viele Menschen zum Trostlied geworden. Größer als der Helfer ist die Not ja nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20451