Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 von Felix Mendelssohn Bartholdy 

Wir alle warten.

An der Kasse im Supermarkt oder an der Zapfsäule. Im Bahnhof auf den Zug oder zu Hause auf die Post. Wir warten, dass bestimmte Dinge kommen oder andere Dinge wieder verschwinden mögen. Manches Warten erscheint eher kurz. Auf Anderes warten wir ein Leben lang.

Auch in der Bibel finden sich viele Stellen, die vom Warten handeln. Das Besondere daran ist, dass die Menschen aufgefordert werden, auf Gott zu warten. Nicht auf irgendeine bestimmte Sache oder auf einen Umstand, der sich ändern soll. Und es geht auch nicht darum, eine unangenehme Situation einfach auszusitzen. Wenn die Bibel vom Warten spricht, dann gibt es ein nur einen einzigen Grund fürs Warten: nämlich die Begegnung mit Gott selbst.  

Sei stille dem Herrn und warte auf ihn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

 

(Elias – Felix Mendelssohn Bartholdy / SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart) M0345033(AMS) 

Sei stille dem Herrn und warte auf ihn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat diesen Psalmtext vertont. Die innige Arie ist in vielen Gottesdiensten oder geistlichen Konzerten zu hören. Ursprünglich gehört sie zum Oratorium „Elias“, das das Leben des gleichnamigen Propheten aus dem Alten Testament erzählt.

Elija – der Name bedeutet übersetzt „Mein Gott ist Jahwe“. Und wie in vielen biblischen Erzählungen ist dieser Name Programm. Leidenschaftlich setzt sich Elija für Gott ein. Er kämpft und legt sich dabei auch mit dem König an. Ihm und dem ganzen Volk will er zeigen, dass es nur einen einzigen Gott gibt: Seinen Gott Jahwe.

Anfangs gelingt ihm das. Er investiert seine ganze Kraft und ist unsagbar erfolgreich. Alles, was er sich vornimmt, gelingt und viele Menschen bekehrt er dadurch zum Glauben. Doch dann ändert sich die Stimmung im Volk. Elija wird verfolgt und muss in die Wüste fliehen. Scheinbar war doch alles umsonst. Er ist am Ende. Kraftlos und verzweifelt setzt er sich unter einen Ginsterstrauch und will nur noch sterben.

Doch Gott hat Elija noch nicht abgeschrieben. Zärtlich geht er mit ihm um. Die Bibel spricht von einem Engel, der ihm Brot und Wasser hinstellt und zu ihm spricht: Steh auf und iss. Sonst ist der Weg zu weit für dich.

An diese Stelle des Oratoriums setzt Mendelssohn die Arie „Sei stille dem Herrn“. Der Text aus dem Psalm 37 verstärkt den inneren Konflikt, den Elija auszuhalten hat. Er wird aufgefordert auf Gott zu warten, obwohl er völlig verzweifelt und hoffnungslos ist.

Da ich selbst zu den Menschen gehöre, die nicht gerne warten, kann ich gut nachvollziehen, wie schwer es Elija gefallen sein muss, gerade in dieser Situation die Hoffnung eben nicht aufzugeben. Zu warten, auch wenn man selbst nicht mehr weiter weiß.

Elija hält durch. Er isst und trinkt und macht sich wieder auf den Weg. Und es lohnt sich. Nun ist er bereit für eine Begegnung mit Gott. Elija erkennt Gott im leisen Säuseln des Windes und er versteht, wie sein Leben auch nach dieser schweren Zeit weitergehen kann.

Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.
In Verbindung mit der Elijaerzählung bekommt der Psalmvers für mich eine neue Bedeutung. Wenn ich auf Gott warte, dann ist er eigentlich immer schon da – auch wenn ich es nicht auf den ersten Blick erkenne. Und so warte letztlich nicht ich auf Gott, sondern Gott ist es, der auf mich wartet. 
 

            Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. 

(Elias – Felix Mendelssohn Bartholdy / SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart) M0345033(AMS)

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