Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Die beste Zeit im Jahr – welche ist das für Sie? Genießen Sie jetzt den Spätsommer? Oder mögen Sie lieber die zarten Boten des Frühlings oder die klaren Wintertage?
Die beste Zeit im Jahr – ist mein! Diese Worte hat Martin Luther der Frau Musika, der Musik, in den Mund gelegt. 1538 hat er die „Vorrede für alle guten Gesangbücher“ gedichtet, ein Lob der Musik. Aus den Schlusszeilen der Vorrede ist das Lied geworden, das seinen Weg ins Evangelische Gesangbuch gefunden hat:

Die beste Zeit im Jahr ist mein,
da singen alle Vögelein.
Himmel und Erden ist der voll,
viel gut Gesang der lautet wohl.

Voran die liebe Nachtigall
macht alles fröhlich überall
mit ihrem lieblichen Gesang,
des muss sie haben immer Dank.

Die beste Zeit im Jahr – die Zeit voll Gesang. Eine männliche Nachtigall kann über 200 verschiedene Melodien trällern.

Allerdings: Die Zeit im Jahr, in der die Nachtigallen so wunderbar singen, ist kurz – nur so lange, bis sie ein Weibchen gefunden haben. Manchmal zwei Monate, manchmal nur wenige Tage.
Die beste Zeit im Jahr – für Luther ist das nicht nur dieser kurze Zeitraum. Die beste Zeit im Jahr ist mein – sagt die Musik. Die beste Zeit gehört der Musik.
Musik, besonders Gesang, war für Luther eine besondere Gottesgabe. Dass sie eine größere, göttliche Dimension hat, hat er in seinem Grundstudium der „Sieben Freien Künste“ gelernt, zu denen auch die Musik zählt: Nach Pythagoras, dem griechischen Philosophen und Mathematiker singt und schwingt der ganze Kosmos in gesetzmäßigen Proportionen. Luther schätzt die Musik, weil sie tröstet, weil sie Frieden stiftet – und weil er in ihr eine Botschafterin für die gute Nachricht von Gottes Liebe sieht. Denn: Musik erreicht die Herzen. Und in der Musik klingt für ihn das Gotteslob der Geschöpfe, von Mensch und Tier. So sagt er es auch in seinen Versen über die Musik – hier mit einer anderen Melodie vertont.
Musik als Gabe und zum Lob Gottes – für Luther war sie nicht hoch genug zu loben. Hie kann nicht sein ein böser Mut, wo da singen Gesellen gut, dichtet er weiter vorne in seiner Gesangbuchvorrede. Ein Blick in die Geschichte der Diktaturen zeigt, dass das so nicht stimmt. Auch böse Menschen haben Lieder. Musik löst keine Probleme.
Und trotzdem: Auch ich kenne Momente, in denen Musik Wunder wirken kann: Ein Abend mitten im Familienalltag, zum Beispiel. Die Küche ist zu unordentlich, um gemütlich zu sein, das Brot ist zu altbacken, um lecker zu sein, und alle sind zu müde, um nett zueinander zu sein. Als sich dann noch der Kakao über Tisch, Hose und Boden ergießt, ist die Stimmung am Nullpunkt. Aber dann holt meine Tochter ihre Gitarre: Hört mal, was wir gelernt haben: „Die Affen rasen durch den Wald…“ beginnt sie. Und Minuten später tanzt die Familie ausgelassen durch die Küche, trommelt auf Kochtöpfe und singt aus vollem Hals. Die beste Zeit gehört der Musik.
In solchen Momenten glaube ich das sofort. Auch wenn ich höre, wie im Chor Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Generationen ganz selbstverständlich Freude miteinander haben. Oder wenn ich sehe, wie im Seniorenheim die Gesichter aufleuchten, wenn bekannte Lieder erklingen – und oft auch die Menschen mitsingen, deren Sprache längst verstummt ist.
Die beste Zeit im Jahr – sie braucht kein Vogelzwitschern und keinen Sonnenschein. Sie kann zu jeder Jahreszeit sein: im Winter, im Frühjahr und auch jetzt im Spätsommer.

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